Schlussgedanken

An dieser Stelle endet mein Einblick in die Computergeschichte aus der Nutzungsschnittstellen-Perspektive. Wie Sie sicher gemerkt haben, lag mein Hauptfokus nicht auf den allerneuesten Nutzungsschnittstellen, sondern vor allem auf den Windungen der Computergeschichte, die zum Status quo geführt haben. Ihr aktuelles Smartphone muss ich Ihnen nicht beschreiben. Sie haben es in der Tasche und nutzen es wahrscheinlich etliche Male am Tag. Mein Ansatz war ohnehin ja nicht der, Ihnen reine Beschreibungen und technische Daten zu präsentieren. All diese Dinge können Sie an anderer Stelle mit mehr Details und in größerer Vollständigkeit nachlesen. Was ich Ihnen vermitteln wollte – und hoffentlich auch vermittelt habe –, ist das, was im wissenschaftlichen Umfeld gerne “Wechselwirkung” genannt wird. Technische Weiterentwicklungen der Computertechnik passierten in den allermeisten Fällen nicht einfach so ohne Grund, sondern weil es einen Bedarf an neuen Nutzungsformen gab, etwa weil die Programmierung mit Lochkarten so umständlich war oder weil neue Nutzungsszenarien antizipiert wurden – etwa wenn am Xerox PARC Computer für die Büronutzung entwickelt wurden. Um diese neuen Formen der Computernutzung umzusetzen, musste es zu Weiterentwicklungen in den Nutzungsschnittstellen kommen. Diese Weiterentwicklungen waren aber nicht immer ohne Weiteres möglich. Vielfach brauchte es zunächst technische Fortschritte in anderen Bereichen, etwa in der Prozessorgeschwindigkeit, in der Arbeitsspeichergröße oder auch in der Art und Weise, wie ein Bildschirm genutzt werden konnte. In manchen Fällen trieb der Druck nach Fortschritten in der Nutzungsschnittstelle diese Entwicklungen, in anderen Fällen inspirierten neue technische Möglichkeiten die Systementwickler zu neuen, experimentellen Nutzungsschnittstellen.

Ich habe in diesem Buch weit mehr weggelassen, als ich erzählt habe. Damit meine ich nicht nur die Details zu den einzelnen technischen Artefakten oder dass ich nicht jeden Minicomputer oder jeden PDA aufgeführt habe. Es fehlen in meiner Betrachtung auch komplette Bereiche der Nutzungsschnittstellen. Ich habe Ihnen zum Beispiel nichts von den Nutzungsschnittstellen-Welten erzählt, die man mit „Virtueller Realität“ betitelt, bei denen ein Nutzer etwa einen Helm aufsetzt und einen Datenhandschuh anzieht und dann dreidimensionale Welten erkunden kann.

Auch ein spannendes Potenzial einer vollständig „transparenten“ Vernetzung – also einer Vernetzung, bei der Sie nicht selbst Daten von einem Rechner zum anderen schicken müssen, sondern bei der die Kommunikation so erfolgt, dass Sie davon nichts merken – liegt dann vor, wenn nicht mehrere Nutzer das gleiche Objekt nutzen, sondern eine Anwendung ihre Nutzungsschnittstelle auf mehrere Geräte verteilt. Man nennt diese Art der Nutzungsschnittstelle “Distributed User Interface”. Stellen Sie sich doch einmal folgendes Szenario vor: Eine digitale Tafel, die ja auch nur ein Computer mit extravagantem Touch-Bildschirm ist, erlaubt das Erstellen und Positionieren von Objekten auf der Oberfläche. Ein Lehrender nutzt die Tafel, indem er die Objekte mit einem digitalen Stift erstellt und manipuliert. So eine Stifteingabe auf einer Tafel ist natürlich nicht für alle Arten von Eingaben ideal. Nehmen wir zum Beispiel an, es gäbe hier die Möglichkeit, Fotos einzufügen. Auf der Tafel, die ja alle sehen können, nun einen Datei-Browser zu öffnen, sodass ein Foto ausgewählt werden kann, ist unpraktisch. Ein Distributed User Interface könnte es erlauben, dass an der Tafel die Stelle, an der das Foto erscheinen soll, markiert und dann das Smartphone genutzt wird, um ein Foto auszuwählen oder um direkt eines zu erstellen. Ähnliches kann man sich für Textfelder vorstellen. Diese könnten an der Tafel ausgewählt, dann aber von einem Laptop aus mit Text befüllt werden. Alle drei Geräte, die digitale Tafel, das Smartphone und der Laptop bilden in diesem Fall die Nutzungsschnittstelle für die Bearbeitung der gleichen Objekte.

Alle diese neuen Potenziale und alle technischen Entwicklungen, die dahin geführt haben, dass sie heute teils genutzt werden, teils noch entdeckt werden müssen, wären es wert, erzählt zu werden, auch wenn es sich dann nicht mehr, wie in diesem Buch, um eine Geschichtserzählung handelt. Vielleicht erzähle ich Ihnen trotzdem eines Tages davon. Sie könnten dieses Buch dann quasi als den ersten Band betrachten. Dass es einen zweiten Band geben wird und dass er dann auch von mir sein wird, kann ich Ihnen natürlich heute nicht versprechen. Sehr sicher bin ich aber, dass Sie von den genannten Potenzialen hören und sie nutzen werden, wenn Sie es nicht jetzt schon tun. Lehnen Sie sich doch dann einmal einen Moment zurück und überlegen Sie, was alles hat passieren müssen, welch lange und komplexe Entwicklungsgeschichte es brauchte, um das so hinzubekommen.