Grundforderung: Reduzierung erzwungener Sequenzialität

Um die Vielfalt des aus unseren Grundlagen ableitbaren Gestaltungswissens intellektuell beherrschbar und überschaubar zu gestalten, führen wir eine Leitforderung ein, der sich alle anderen Gestaltungsforderungen unterordnen. Die Leitforderung der Reduzierung erzwungener Sequenzialität beinhaltet ein Menschenbild, das sich einerseits aus den vorgestellten Grundlagen ableiten lässt, zugleich aber mit bestimmten Wertsetzungen darüber hinaus weist. Unser Gestaltungsziel ist, in der Nutzung ein weitestgehend selbst bestimmtes Handeln zu ermöglichen, Abläufe nicht durch unnötig vorgegebene Interaktionssequenzen zu zementieren und – vor dem Hintergrund der Analyse technischer Potenziale – möglichst alle Hindernisse aus dem Weg zu räumen, die eine schnelle und sichere Erledigung der jeweiligen Aufgaben erschweren oder verhindern. Kaum jemand würde dem widersprechen wollen, doch sind wir uns im Klaren darüber, dass diese Wertsetzung nicht absolut sein kann. Denken Sie zum Beispiel an Nutzungsschnittstellen zur Steuerung eines Atomkraftwerks oder eines medizinischen Geräts, bei denen es der Sicherheit vieler Menschen dient, wenn die Nutzung durch rigide Vorschriften eingeschränkt wird. In solchen Fällen muss die Freiheit und Kreativität in der Nutzung eingeschränkt werden. Aber die Konsequenz aus unserer Wertsetzung ist, dass solche Einschränkungen immer ausdrücklich zu begründen bzw. durch wissenschaftliche Untersuchungen zu legitimieren sind.

Alle aufgestellten Forderungen sind Konkretisierungen der Grundforderung nach Reduzierung erzwungener Sequenzialität. Wir illustrieren dieses Leitbild zunächst an ein paar Beispielen, um die Breite des Spektrums erzwungener Sequenzialitäten zu erläutern. Da es sich um eine Ingenieurperspektive handelt, gehen wir von technischen Gestaltungsmerkmalen aus und betrachten, welche erwartbaren Wirkungen und Wechselwirkungen mit ihnen verknüpft sind.

Unnötige Hindernisse

Ein Zusatzaufwand kann dadurch entstehen, dass bei der Erledigung einer Aufgabe unnötige Hindernisse zu überwinden sind. Solche Hindernisse können unterschiedlicher Art sein. Schauen wir uns dazu ein Beispiel an, bei dem die Gestaltung der Nutzungsoberfläche unzureichend an die Wahrnehmungseigenschaften des Menschen angepasst wurde.

Teil der Charms-Bar von Windows 8
Teil der Charms-Bar von Windows 8

Hier abgebildet ist ein Teil der sogenannten „Charms-Bar“ von Windows 8. Mithilfe dieser Leiste war es in Windows 8 möglich, grundlegende Einstellungen zum aktuell laufenden Programm, aber auch zum System als Ganzem vorzunehmen. Unter anderem konnten über die Charms-Bar auch die „Systemeinstellungen“ geöffnet werden. Zwar ermöglichte diese Leiste, sobald sie geöffnet war – was ein Thema für sich ist –, technisch den schnellen Zugriff auf die Einstellungen mit nur einem Klick auf den Text „PC-Einstellungen ändern“, doch die Gestaltung dieses Elements war ungünstig, da es keinen wahrnehmbaren Hinweis auf ein anklickbares Element gab. Der Text wirkte vielmehr wie die Beschriftung der darüber befindlichen Icons, die ja in der Tat eine Teilmenge der Systemeinstellungen darstellen. Die Folgen dieser ungeschickten Gestaltung sind bestenfalls ein längeres Innehalten vor der korrekten Bedienung oder aber unnötige Suchaufwände oder Fehlbedienungen, die rückgängig gemacht werden müssen. In jedem Fall entsteht erzwungene Sequenzialität, weil mentale bzw. motorische Zusatzhandlungen nötig sind, die hätten vermieden werden können, wenn eine bessere Gestaltung gewählt worden wäre.

Unnötige Schritte

Im Charms-Bar-Beispiel wurde die Schaltfläche zwar ungünstig gestaltet, doch war, sofern man wusste, wohin man klicken musste, eine zügige Bedienung möglich, denn die Charms-Bar ermöglichte das Erreichen der Systemeinstellungen mit nur einem Klick und bot für häufig genutzte Einstellungen Icons an, die den Zugriff darauf abkürzten. Nicht immer ist Software jedoch so gestaltet, dass etwas, was mit wenigen Schritten erledigt werden könnte, auch tatsächlich mit wenigen Schritten erledigt werden kann. Erzwingt eine Nutzungsschnittstelle statt wenigen viele Schritte zu gehen, liegt ebenfalls erzwungene Sequenzialität vor, denn die zusätzlichen Schritte sind unnötiger Aufwand.

Fehlermeldung beim Update von Microsoft Excel
Fehlermeldung beim Update von Microsoft Excel

Das obige Beispiel zeigt eine Meldung des Update-Programms von Microsoft Office am Mac. Die Update-Software stellt fest, dass das zu aktualisierende Programm noch geöffnet ist, und fordert zum Schließen des Programms auf; ein geöffnetes Programm kann nicht aktualisiert werden. An dieser Stelle entsteht zusätzlicher Nutzungsaufwand, der ohne Weiteres vermieden werden könnte, indem das Aktualisierungs-Tool die Möglichkeit böte, das Programm direkt zu beenden. Es wäre jedoch keine gute Idee, das Programm automatisch zu beenden3, da ja noch ungespeicherte Änderungen vorhanden sein könnten. Wohl aber könnte die Option angeboten werden, mit nur einem Klick auf einen Button das Programm zu beenden und mit der Installation fortzufahren. Mit besonderem Komfort könnte auch die Speichern-Funktion des Programms direkt von dieser Stelle aus aufgerufen oder aber die geöffneten Dokumente automatisch zwischengespeichert werden, um das Programm dann automatisch zu beenden und die Arbeitsblätter nach dem Update wiederherzustellen. Alle dazu erforderlichen Informationen liegen systemseitig vor. Stattdessen wird eine bereits feststehende Sequenz von Nutzungshandlungen erzwungen, gegebenenfalls inklusive des Wechsels zwischen verschiedenen Fenstern und Anwendungen.

Vergleichbare unnötige Hindernisse können auch an anderen Stellen entstehen. Im Exkurskapitel über die Dialog-Metapher etwa behandeln wir Zusatzaufwände, die dadurch entstehen, dass ein Pseudo-Dialog geführt wird. Dadurch entsteht zusätzlicher mentaler Aufwand, weil eine vorgegebene Antwort erst im Kontext der Frage interpretiert werden muss, um zu verstehen, welcher Zielzustand mit den jeweiligen Antwortoptionen verbunden ist. Würden die möglichen Zielzustände direkt angeboten, wäre dieser Zwischenschritt nicht erforderlich.

Erzwungene Reihenfolgen

Beispiel für eine erzwungene Reihenfolge in LibreOffice
Beispiel für eine erzwungene Reihenfolge in LibreOffice

In den bisher erläuterten Beispielen waren die Handlungssequenzen aufgrund schlechter Gestaltung länger als nötig. Es mussten motorische und mentale Zusatzhandlungen aufgewendet werden, weil der direkte Weg nicht möglich oder nicht erkennbar war. Problematisch sind nach unserem Konzept der Reduzierung erzwungener Sequenzialität aber nicht nur gänzlich unnötige bzw. unnötig lange, sondern auch unnötig unflexible Sequenzen, wenn eine Software also eine bestimmte Reihenfolge der Handlungsschritte erzwingt, obwohl zur Erledigung der Aufgabe auch andere Reihenfolgen gleichermaßen zielführend wären.

Die Abbildung oben zeigt einen Ausschnitt aus einem Beispiel für eine erzwungene Reihenfolge. Zu sehen ist die Eingabemaske zum Erstellen einer Bildunterschrift in LibreOffice. Die Bildunterschrift für das im Hintergrund zu sehende Bild soll aus einer bereits im Fließtext unter dem Bild befindlichen Wortfolge bestehen. Diese Wortfolge muss also sinnvollerweise kopiert und als Bildunterschrift eingefügt werden. Es ist jedoch bei geöffnetem Konfigurationsfenster nicht mehr möglich, den Text zu markieren und zu kopieren. Das Fenster zur Konfiguration der Bildunterschrift ist als sogenannter „Modaler Dialog“ umgesetzt. Es muss also erst geschlossen werden, bevor im Hauptfenster des Programms weitergearbeitet werden kann. Mausklicks auf den Hintergrund werden folglich ignoriert. Das Programm zwingt dazu, entweder den Text nochmals händisch einzutippen oder das Kopieren des Textes zwangsweise vor dem Öffnen des Fensters zu erledigen. Somit werden nicht nur zusätzliche Handlungen erforderlich, sondern es wird auch zum Teil die Reihenfolge der Handlungsschritte festgelegt, ohne dass es dafür einen inhaltlichen Grund gäbe. An anderer Stelle wurde es übrigens besser gelöst. Ruft man die Funktion zum Suchen und Ersetzen von Text auf, erscheint ein ganz ähnliches Zusatzfenster, man wird aber nicht daran gehindert, Text aus dem Dokument zu kopieren und in das Zusatzfenster einzufügen, denn das eingeblendete Fenster liegt zwar optisch vor allen anderen, blockiert aber nicht die Interaktion mit dem Dokument.

Nicht jede Sequenzialität muss vermieden werden!

Sequenzialität per se ist weder etwas Schlechtes noch etwas, das Sie auf Gedeih und Verderb vermeiden sollten. Ein gewisses Maß an Sequenzialität ist unvermeidbar und auch hilfreich. Im Beispiel der Eingabe der Bildunterschrift wird eine Sequenz von Manipulations- und Wahrnehmungsschritten erzwungen, ohne dass diese Sequenz in der zu erledigenden Aufgabe oder physischen Randbedingungen begründet wäre. Diese Formen von erzwungener Sequenzialität gilt es zu reduzieren. Umgekehrt müssen jedoch notwendige Abfolgen beachtet werden. Sie lassen sich nicht reduzieren und sind auch nicht gemeint, da sie unvermeidlich, gewollt oder der Aufgabe inhärent sind und somit nicht erzwungen, d. h. durch die Gestaltung des technischen Artefakts hervorgerufen werden. Beispielsweise kann man einen Text erst drucken oder auch per E-Mail verschicken, nachdem man ihn geschrieben hat. Wenn jedoch ein Mailprogramm die Eingabe eines Empfängers verlangt, bevor der Nachrichtentext eingegeben werden kann, wäre das in unserem Sinne wiederum erzwungene Sequenzialität.

Die Reduzierung erzwungener Sequenzialität sorgt für mehr Freiheit bei der Nutzung des Computersystems und folgt damit der Linie, Unterstützung ohne Bevormundung. Doch können zu viele Handlungsmöglichkeiten auch zu Problemen wie Orientierungsverlust oder Überforderung führen. Das lässt sich vermeiden, indem eine vorgegebene Sequenz zwar nicht erzwungen, aber doch als eine zusätzliche Option angeboten oder auch explizit empfohlen wird. Sie können das vergleichen mit dem Angebot einer Stadtrundfahrt auf vorgegebenen Routen. Diese können sie buchen, müssen es aber nicht. Stattdessen können sie auch die Stadt individuell nach eigenen Plänen und Vorlieben erkunden. Bei der Gestaltung von Nutzungsschnittstellen kann es entsprechend sinnvoll sein, Sequenzialität zwar nicht zu erzwingen, aber doch nahezulegen. Ein Serienbriefassistent eines Textverarbeitungssystems beispielsweise führt in Schritten durch den Prozess der Erstellung eines Serienbriefs. Der Assistent legt eine Reihenfolge nahe, gibt sie teilweise auch vor. Die Textverarbeitung erzwingt allerdings nicht die Verwendung des Assistenten und ermöglicht es, ihn jederzeit abzubrechen.

Ein typisches Beispiel für eine freiwillig gewählte Sequenzialität liegt dann vor, wenn bei der Nutzung bestimmte Operationsfolgen immer wieder ausgeführt werden, obwohl es „kürzere Wege“ gibt. Die Gründe sind vielfältig, mal hängt es von der Vertrautheit mit dem System ab, mal von individuellen Vorlieben oder von Routinehandlungen, die möglichst verlässlich ausgeführt werden sollen. Solche Handlungen sind je nach Situation unterschiedlich und verändern sich auch durch Lernen. Da zum Zeitpunkt der Entwicklung die Dynamik im Nutzungskontext nicht verlässlich vorhergesehen werden kann, sollte keine Bevormundung stattfinden, indem der jeweils kürzeste Weg zur Nutzung aufgenötigt wird. Wie zuvor besteht die Lösung darin, zusätzliche Optionen wie zum Beispiel einen Lernmodus anzubieten, bei dem das System mithilfe vorgegebener Sequenzen verdeutlicht, was in welcher Reihenfolge getan werden kann. In anderen Fällen könnte es helfen, zusätzliche Mechanismen zur Anpassung des Systemverhaltens anzubieten.