Vorwort
Über die Entstehung dieses Buchs
Eine lange Reise liegt hinter mir bis zu diesem Buch, welches Softwaremodernisierung von einem anderen Blickwinkel aus betrachtet. Die Geschichte beginnt bei den Dinosauriern. Und zwar mit “Dinosaurier! Entdeckungsreise zu den Giganten der Urzeit”, einem Magazin, das mich in meinem Grundschulalter extrem faszinierte. Insbesondere die Reportagen über Expeditionen und Ausgrabungen hatten es mir angetan. Irgendwann wollte ich dann als Kind Archäologe werden. Das Schicksal meinte es jedoch anders mit mir und ich wurde über ein paar Umwege Softwareentwickler.
Während meiner ersten Jobs Ende der 2000er Jahre als Softwareentwickler hatte ich es mit vielen, älteren Softwaresystemen zu tun (wer hat das nicht?). Ich wusste nicht so richtig, wie diese Systeme tickten oder warum sie überhaupt noch liefen. Ich konnte auch niemanden dazu befragen, da die ursprünglichen Entwicklerinnen und Entwickler meist schon wieder woanders unterwegs waren. Es waren die Anfänge der agilen Bewegung in Deutschland, wo man immer nur die ersten Halbsätze des agilen Manifests las wie z. B. “Funktionierende Software”. Der nachfolgende Halbsatz, der in etwa lautet “aber auch die ausführliche Dokumentation von Software finden wir wichtig, stellen sie aber nicht an allererster Stelle, sondern an zweiter!” wurde gekonnt agil ignoriert. So gab es oft nur den Code – und mich. Und eigentlich fand ich das ganz spannend. Irgendwann stolperte ich schließlich in einer alten BBC-Fernsehsendung über römische Ausgrabungen über diesen Satz (übersetzt von mir ins Deutsche):
Archäologen versuchen, die Hinterlassenschaften der Leute zu finden, die vor uns waren, und den Sinn dahinter zu verstehen.
BÄM!!!
Im Grunde hatte ich meinen Traumberuf bereits gefunden: Ich war Softwarearchäologe! Fortan versuchte ich ein Leben als Ausbesserer und Knochenreiniger (also Bugfixer und Clean Coder). Aber schnell kam ich an die Grenzen (und die waren nicht technischer Natur). Irgendwie war es nicht immer möglich, direkt alle Hinterlassenschaften auf Vorderfrau zu bringen. Es gab auch so etwas wie Zeit & Geld und vor allem Kunden, für die eine sauber polierte Codebasis vermeintlich gar nicht so wirklich interessant war. In dieser schweren Stunde meines Clean-Coder-Lebensabschnitts stand mir Mitte 2014 jedoch Eric Evans bei, der in seinem Talk auf der Qcon London 2008 sagte (übersetzt von mir ins Deutsche):
Nicht alle Teile eines großen Systems werden gut designt sein, aber Teile des Systems können gut designt sein. Der Trick besteht darin, herauszufinden, welche Teile des Systems wirklich von einem Design profitieren.
BÄM!!!
Ich gerade den Grund dafür genannt bekommen, dass mein Drang zum unreflektiertem Aufräumen keine gute Strategie war. “Qualität kostet immer mindestens zweimal! Mindestens beim initialen Herstellen und beim späteren Erhalten!” erklärte mir Frank Buschmann kurz danach im Herbst 2014 bei einem Kaltgetränk. Es schien also alles doch etwas komplizierter zu sein, als es in so manchen “Gute-Laune-Softwareentwicklungsbüchern” dargestellt wurde. Aber was war der Trick, von dem Eric erzählte? Wie konnte ich erkennen, wo sich das Handanlegen lohnen würde? Aus dem Wirtschaftsinformatikanteil meines Studiums erinnerte ich mich an “das Business”. Aber konkrete Tipps und Tricks für Softwaremodernisierungen konnte ich aus meinem theoretischen Wissen nicht herausziehen. Auch Vorlesungen wie “strategisches IT-Management” oder “Unternehmensberatung” flogen hunderte Höhenmeter weit über meine Codebasis hinweg. Ich konnte aber mit diesen ganzen “BWLer-Methoden” konkret einfach gar nichts anfangen, um “das Business” mit der Softwaremodernisierung zu verbinden.
Irgendwo im Jahr 2019 brachte mich ein Kollege auf das Thema “Wardley Maps”. Irgendwie schien mir das auch wieder eine belanglose “BWLer-Methode” zu sein, die sich im Kontakt mit echter Software einfach in Luft auflösen würde. Irgendwann sah ich mir doch einmal den Vortrag “Situation Normal, Everything Must Change” von Simon Wardley von der OSCON 2015 auf YouTube an und … verstand überhaupt nicht, um was es ging: Irgendwas mit Tee? Katzen in Panzern? Alles war strange. Aber die (bewusst?) schlechten Wortwitze gefielen mir. Ich blieb dran und irgendwie war das alles doch sehr faszinierend. Auch viele meiner bereits bekannten “BWLer-Methoden” und Werkzeuge aus der Softwareentwicklung wurden in dem Vortrag gekonnt durch den Kakao gezogen. Und dann kam dieser entscheidende Teil von Simon (übersetzt von mir ins Deutsche):
Man bringt das Business zuerst zum eigenen Situationsbewusstsein und dann erst zum Handeln. Und wenn man das tut, erkennt man, dass das Business nichts weiter als ein Spiel ist. Es ist ein Spiel, das Landkarten hat. Es ist ein Spiel, das wiederholbare Muster [Gameplays, Anm. des Autors] hat: 61 verschiedene Formen, die wir kennen. Es ist ein Spiel, in dem es auch Monster gibt. … Unternehmensmonster, welche keine Landkarten haben. Also sitzen sie im Dunkeln und erzählen sich Geschichten …, schwanken zwischen verschiedenen Vorgehensmodellen …, outsourcen viel zu viel, ohne zu wissen, wie sie industrialisierte Komponenten effizient behandeln sollen, weil sie sich selbst nicht ändern wollen. Aber sie werden immer von überhöhten Änderungskosten erschlagen werden. … Sie leiden unter systematischen Denkfehlern, mangelnder Vorausschau und der “Abteilung des ‘Neins’” [der IT-Abteilung, Anm. des Autors]. Die meisten von ihnen sind wie ein Unfall, der nur darauf wartet, zu passieren.
BÄM!!!
Ab diesem Moment Feuer und Flamme für das Thema “Wardley Maps”. Das Thema begleitet mich nun seit ein paar Jahren bei meiner Arbeit als Berater bei Softwaremodernisierungen. Doch ist dieses Buch keine Einführung in die Welt der evolvierenden Strategielandkarten in Form der Wardley Maps. Vielmehr beschäftigt sich dieses Buch mit einem kleinen, aber für Softwaremodernisierungen sehr wichtigem Teil des Wardley-Maps-Universums: Den strategischen Spielzügen.
Markus Harrer, Roth, Deutschland, April 2023
Ein Wort des Dankes an Simon Wardley
Simon Wardley ist der Verfasser der ursprünglichen strategischen Spielzüge (engl. “Gameplays”) und Erfinder von Wardley Maps. Es hat lange gedauert, bis ich mit dem Thema warm geworden bin. Aber Simons wohlwollende Art und seine Beharrlichkeit, Menschen auf der ganzen Welt seine Ideen bezüglich des strategischen Denkens nahezubringen, haben mich regelrecht in seinen Bann gezogen. Auch faszinierte mich schon immer sein Streben danach, sämtliche Arbeiten offen und frei zugänglich zu machen. Dies hat auch zur Bildung einer offenen Community geführt, die Simons Arbeiten erweitert und darauf aufbaut.
Mit diesem Buch möchte ich auch wieder einen Beitrag für die Wardley Mapping Community bieten. Daher ist dieses Buch, genauso wie Simons Werke, unter der Creative Commons Attribution-ShareAlike 4.0 International Lizenz veröffentlicht. Das Buch selbst kann auf Leanpub direkt kostenlos gelesen werden (siehe Button “Kostenlos Online Lesen”). Insbesondere an alle zahlenden Lesenden an dieser Stelle noch ein extragroßes Dankeschön! Ihr ermöglicht es mir, dass ich weitere Ideen zur Softwaremodernisierung in zukünftigen Publikationen umsetzen kann! Wer mich hier zusätzlich unterstützen möchte, findet auf markusharrer.de entsprechende Möglichkeiten.
Über die Nutzung von KI in diesem Buch
Große Teile dieses Buches habe ich initial mit künstlichen Intelligenzen wie GPT-3.5-Turbo und ChatGPT, OpenAIs large-scale language-generation Modellen, generieren lassen. Das klingt evtl. gruseliger oder auch entspannter und einfacher, als es in Wirklichkeit ist. Aber keine Sorge! Neben der Erstellung der passenden Prompts und des Entwurfs habe ich noch einmal sehr viel Zeit in die manuelle Validierung und die redaktionelle Nachbearbeitung investiert. Auch war viel mühselige Kleinarbeit bei der Recherche und Nachbesserung der hier aufgeführten Referenzen notwendig. Im Endeffekt war alles viel zeitintensiver, als man zuerst glauben mag. Aber ohne KI-Unterstützung wäre dieses Buch sicherlich nicht möglich gewesen. Zudem wurde das Cover-Motiv mit DALL·E 2, ebenfalls von OpenAI, erstellt. Aufgrund meiner eigenen moralisch-ethischen Ausrichtung ist es mir aber wichtig, dich, liebe Leserin oder lieber Leser, auf meine in Anspruch genommene Unterstützung hinzuweisen. Ich bin selbst auch durch und durch ein Ausbesserer, daher ist diese Art des Schreibens auch viel angenehmer für mich.
Am Rande: Generell denke ich, dass wir in unserer Gesellschaft vermehrt Gebrauch von generativer künstlicher Intelligenz machen werden. Die Rechtschreibkorrektur oder das automatisierte, KI-gestützte Übersetzen stellt heutzutage auch niemand mehr infrage (und wurde natürlich für dieses Buch ebenfalls genutzt). Ich bin froh, über die Nutzung von KI endlich einen für mich gangbaren Weg gefunden zu haben, der es mir ermöglicht, meine Gedanken und Idee schnell zu Papier zu bringen!
Nutzung von gendergerechter Sprache
Ich finde Diversität, insbesondere in der Softwareentwicklung, sehr wichtig. Gendergerechte Sprache ist hier ein Mittel, um sicherzustellen, dass alle Menschen wertgeschätzt und miteinbezogen werden. Gendergerechte Sprache vermeidet Stereotypen und diskriminierende Ausdrücke. Ich versuche dort, wo es sich anbietet, passende Formulierungen und Akteurinnen und Akteure zu verwenden, um eine entsprechende Geschlechtergerechtigkeit zu wahren. Aufgrund der besseren Lesbarkeit werde ich im Zweifel jedoch das generische Maskulinum verwenden.