Über strategische Spielzüge

Unternehmen stehen im ständigen Wettbewerb mit anderen Marktmitbegleitern. Daher ist es nicht einfach möglich, sich auf den geernteten Lorbeeren aus der Vergangenheit auszuruhen. Dies trifft insbesondere auch auf Softwaresysteme zu. Softwaresysteme selbst werden zwar nicht von allein schlecht und fangen irgendwann an zu stinken. Aber dadurch, dass sich das Umfeld, für das ein Softwaresystem ursprünglich vorgesehen wurde, einem ständigen Wandel unterliegt, muss auch ein Softwaresystem mit diesem Wandel mitziehen, um nicht obsolet zu werden.

Die beiden Begriffe “Co-Evolution” und “Red Queen Hypothesis” beschreiben die Notwendigkeit des eigenen Wandelns in meinen Augen perfekt. Co-Evolution bedeutet, dass sich voneinander abhängige Komponenten auch zusammen weiterentwickeln müssen, um erfolgreich zu bleiben. Wenn etwa das Geschäftsfeld durch neue Kundengruppen erweitert werden soll, muss auch das Softwaresystem mit diesen neuen Umständen mitziehen. Die Red Queen Hypothesis besagt zudem, dass nur diejenigen im Business erfolgreich sein werden, die ständig voranschreiten. Der Name dieser Hypothese geht auf die Geschichte “Alice hinter den Spiegeln” von Lewis Carroll zurück, wo die rote Königin zu Alice meinte

Hierzulande musst du so schnell rennen, wie du kannst, wenn du am gleichen Fleck bleiben willst.

Exakt das Gleiche gilt für Unternehmen, die nicht von der Konkurrenz am Markt abgehängt werden wollen. Zusammen mit der Co-Evolution bedeutet das als Konsequenz, dass wir auch unsere Softwaresysteme ständig wandeln müssen, um Schritt halten zu können. Das dies kein einfaches Unterfangen ist, sehe ich in meinem Beratungsalltag. Viele Softwareentwickelnde haben den Bedarf an kontinuierlicher Anpassung erkannt, haben aber oft nicht die Mittel, den Wandlungsbedarf angemessen zu kommunizieren. Erst wenn die Konsequenzen des Stehenbleibens auch außerhalb der Entwicklung gesehen werden können (etwa durch zu viele Bugfixes, Performance-Probleme oder der viel zu lange dauernden Umsetzungen neuer Features) wird auch das Business hellhörig. Doch ist es in diesen Fällen oft zu spät, um angemessen zu reagieren. Meilenweit hinter der Konkurrenz zu sein, ist keine angenehme Situation und kostet meist eine gehörige Kraftanstrengung, um sich wieder fit für den Wettbewerb zu machen.

Daher ist es mir wichtig, Softwareentwickelnde und auch allen, die indirekt daran beteiligt sind, möglichst frühzeitig Maßnahmen und vor allem Kommunikationsinstrumente in die Hand zu geben, um bewusster mit dem Wandel der Softwaresysteme umzugehen. Ich bin auch davon überzeugt, dass mit den Mitteln in diesem Buch vor allem die Qualität der Diskussionen rund um Softwaremodernisierungen auf ein neues Level gehoben wird, auf dem sich Softwareentwickelnde und “das Business” auf Augenhöhe unterhalten können. Die strategischen Spielzüge in diesem Buch sind hierfür ein wichtiges Element, um allgemein die Produkte und Dienstleistungen eines Unternehmens auf dem Markt zu etablieren. Aber insbesondere in der Softwaremodernisierung helfen sie dabei, Softwaresysteme gegenüber dem Wettbewerb passend zu positionieren, zu schützen oder sie anderweitig zu monetarisieren. Sie dienen auch als weitere Optionen zu den üblichen Polen der Softwaremodernisierung “alles Neumachen” vs. “bestehenden Code verbessern”. Zum einen zeige ich alternative Möglichkeiten zum Umgang mit verwachsenen Code-Basen. Andererseits gehe ich aber auch auf viele Möglichkeiten ein, welche sich überhaupt nicht um Code oder sogar um das Softwaresystem selbst drehen.

Die Verwendung von strategischen Spielzügen ist auch nichts Neues. Ganz im Gegenteil! Strategische Spielzüge sind auch unter den Namen “Strategeme” oder “Kriegslisten” bekannt. Sun Tzu, ein chinesischer General und Militärberater aus dem 6. Jahrhundert, hat viele verschiedene Strategeme in seinem Werk “Die Kunst des Krieges” beschrieben. Auch wenn sich die Kontexte im Laufe der Zeit geändert haben, können viele der Strategeme auch heute noch Anwendung finden, um auf dem Markt erfolgreich zu sein. Dass die Beschäftigung mit Strategeme nicht aus der Mode gekommen ist, zeigen jüngste Veröffentlichungen von Büchern wie “Die 36 Strategeme der Krise - erfolgreich werden, wenn andere scheitern” von Christian Rieck oder ständig neu aufgelegte Klassiker wie “Die Kunst der List: Strategeme durchschauen und anwenden” von Harro von Senger.

Dieses Buch betrachtet die strategischen Spielzüge allgemein in der Welt der Informationstechnologie und im Speziellen in der Softwareentwicklung. Besonders bei der Modernisierung und Sanierung bestehender Softwaresysteme bieten die hier gelisteten Spielzüge wertvolle Denkanstöße für das weitere Vorgehen. Konkret können die strategischen Spielzüge von Simon Wardley folgende Hilfestellungen in diesem Umfeld bieten:

Investitionen schützen

Ein Softwaresystem kann mithilfe verschiedener Spielzüge vom eigentlich notwendigen Wandel geschützt werden. Dazu gehören die Verwendung von Patenten, Marken und Urheberrechten. Spielzüge dieser Art können angewendet werden, um Nachahmern in Schach zu halten sowie einen vorhandenen Vorsprung durch vom Wettbewerb differenzierenden Funktionen zu bewahren. Konkurrenten können somit nicht mitziehen und geraten ins Hintertreffen. Ein Unternehmen erspielt sich dadurch bei notwendigen Softwaremodernisierungen wertvollen Freiraum, um auch schwierigere Herausforderungen zu lösen. Strategische Spielzüge helfen auch zu erkennen, welche Spielchen ein Marktmitbegleiter versucht mit einem zu spielen. Das Erkennen des “Gespieltwerdens” ist wertvoll, um nicht unnötig in die Enge getrieben zu werden oder gar in Zugzwang zu geraten, wodurch ein Unternehmen vielleicht eine gute Position allzu leichtfertig abgibt.

Alternative Geschäftsmodelle identifizieren

Ein Softwaresystem kann mithilfe verschiedener Spielzüge anders monetarisiert werden als vielleicht bis dato bekannt. Dazu gehören die Bereitstellung von kostenpflichtigen Erweiterungen, die Anpassung auf nutzungsbasierten Abrechnungsmodellen sowie die Bereitstellung des Systems an andere Kundengruppen oder im Namen anderer Unternehmen. Für die Softwaremodernisierung werden hier Spielzüge geboten, welche die vermeintliche Last eines Altsystems plötzlich sogar als ein positives Vermächtnis dastehen lassen. Alternativ geben strategische Spielzüge in diesem Gebiet auch Ideen mit dem Umgang von schon “gekippten” Softwaresystemen, wo also Hopfen und Malz vermeintlich bereits verloren gegangen geglaubt sind. Wir sehen uns hier Spielzüge an, welche Strategien beschreiben, um toxische Komponenten loszuwerden oder auch so in den Markt einzugreifen, dass dieser regelrecht vergiftet wird. Vielleicht sind manche dieser Spielzüge nichts für faire Spielerinnen und Spieler, aber es ist wichtig, auch diese Züge zu kennen.

Nächste Schritte priorisieren

Herbert Schmidt soll einmal gesagt haben:

Der größte Raum der Welt ist der Raum für Verbesserungen.

Dies ist auch der Fall, wenn ein Softwaresystem modernisiert werden soll. An vielen Stellen und Enden gibt es etwas zu tun. Aber alles ist nicht gleich wichtig, sinnvoll und dringend. Eine Roadmap-Planung mithilfe der strategischen Spielzüge kann helfen, einen besseren Überblick über die nächsten sinnvollen Schritte zu erhalten. Auch die neue Ausrichtung der Entwicklung kann mithilfe von strategischen Spielzügen klarer an alle Beteiligten kommuniziert werden. Zu oft musste ich vage gehaltene Strategiepapiere lesen, die alles und nichts sagen und wenig bis gar keine Orientierung geben. Gerade strategische Spielzüge sind klar definierte Vorgehen, welche, auch zusammen kombiniert, Menschen das Ziel und die dazu zu beschreitenden Wege konkret aufzeigen können. Sie geben uns ein Vokabular, um präziser über unsere geplanten Züge zu reden.

Was hast du im Sinn?

Mithilfe dieses Buchs kannst du eine Vielzahl von verschiedenen Strategien erkunden, um dein Softwaresystem auf dem Markt zu etablieren. Ich hoffe, dir viele Anregungen und Ideen zu geben, um dein Softwaresystem auf dem Spielfeld des Marktes erfolgreich in die Zukunft zu bringen!