Fokus: Verteidigung
Defensive
Standardmethoden zum Schutz der Marktposition.
– Simon Wardley
Bei einem defensiven Spielstil geht es darum, sich gegen Angriffe und Angriffswellen zu verteidigen. Der Spieler setzt hierbei auf Verteidigungsmaßnahmen wie zum Beispiel Mauern, Schilde oder Fallen. Bezogen auf strategische Spielzüge bedeutet dies, sich in eine gewisse Stellung zu bringen, um die Anstrengungen der Marktmitbegleiter an sich abprallen zu lassen oder unbeschadet aus einer heiklen Situation herauszukommen.
Bedrohungsakquise
Threat Acquisition
Aufkauf von Unternehmen, die den eigenen Markt bedrohen könnten.
– Simon Wardley
Bei Bedrohungsakquise geht es darum, potenzielle Konkurrenten aufzukaufen oder auf andere Weise auszuschalten, um ihre Marktpräsenz zu beseitigen oder zu reduzieren. Dadurch wird das eigene Unternehmen gestärkt und die Konkurrenz geschwächt.
Die Bedrohungsakquise kann in verschiedenen Situationen angewendet werden, zum Beispiel wenn ein Konkurrent ein innovatives Produkt auf den Markt bringt oder eine Fusion mit einem anderen Unternehmen plant.
Um die Bedrohungsakquise anzuwenden, müssen potenzielle Konkurrenten identifiziert und analysiert werden. Dann kann das eigene Unternehmen einen Kauf oder eine Übernahme vornehmen oder andere Maßnahmen ergreifen, um die Konkurrenz zu schwächen oder auszuschalten. Das sollte am besten geschehen, bevor ein andere Marktmitbegleiter das tut.
Praxisbeispiele
- im Jahr 2011 kaufte Google das Unternehmen Zagat, das Restaurantbewertungen und -empfehlungen anbot. Damit versuchte Google Konkurrenten wie Yelp und OpenTable auszuschalten und seine eigene Position im Markt zu stärken. Quelle
- 2012 hat Facebook (heute Meta) Instagram gekauft, eine Firma mit einer App, mit der Menschen Fotos mit ihren Smartphones schießen, mit Filtern und Effekten verfeinern sowie Kommentare dazu hinterlassen können. Quelle
Auf der positiven Seite wird durch Bedrohungsakquise das eigene Unternehmen gestärkt und die Marktpräsenz erhöht. Auf der negativen Seite kann es zu einem Verlust von Arbeitsplätzen und Wettbewerb kommen, was langfristig negative Auswirkungen auf den Markt haben kann.
Erhöhung der Marktzutrittsschranken
Raising Barriers to Entry
Die Erwartungshaltung innerhalb eines Marktes erhöhen, um eine Reihe von Nutzerbedürfnissen zu erfüllen und den Markteintritt anderer zu verhindern.
– Simon Wardley
Der Spielzug Erhöhung der Marktzutrittsschranken bezieht sich auf die Schaffung von Hindernissen, die den Markteintritt von Wettbewerbern erschweren. Dies kann durch die Einführung von hohen Kosten, strengen Regulierungen oder langwierigen Genehmigungsverfahren geschehen. Ziel ist es, potenzielle Konkurrenten abzuschrecken oder ihre Fähigkeit zu begrenzen, in den Markt einzutreten.
Der Spielzug lässt sich in Situationen spielen, in denen ein etabliertes Unternehmen einen Wettbewerbsvorteil hat und diesen beibehalten möchte. Es kann auch eingesetzt werden, um den Eintritt neuer Konkurrenten zu verhindern oder zu verzögern, um Zeit zu gewinnen, um sich anzupassen oder zu reagieren.
Um diesen Spielzug anzuwenden, müssen Unternehmen ihre Ressourcen und Beziehungen nutzen, um Barrieren zu schaffen, die den Markteintritt erschweren. Dazu können sie beispielsweise Regulierungen beeinflussen, Patente oder Lizenzen erwerben, oder exklusive Partnerschaften eingehen.
Praxisbeispiele
- Airbnb und Konkurrenz hat in vielen Städten mit strengen Regulierungen zu kämpfen. Airbnb hat auf diese Barrieren ab 2017 reagiert, indem das Unternehmen sich den Regulierungen angepasst oder auch Partnerschaften mit Städten und Gemeinden durch individuelle Vereinbarungen eingegangen ist. Quelle
Die Erhöhung der Marktzutrittsschranken kann Unternehmen helfen, ihren Wettbewerbsvorteil zu sichern und die Gewinne zu steigern. Sie kann jedoch auch negative Auswirkungen haben, indem sie den Wettbewerb einschränkt und Innovationen hemmt. Wenn Unternehmen zu weit gehen, um den Markteintritt zu erschweren, können sie auch regulatorische Maßnahmen und öffentliche Kritik provozieren. Außerdem kann dieses Spiel nach hinten losgehen, wenn man selbst nicht mehr mit den zuvor selbst geschaffenen Barrieren nicht mehr umgehen kann.
In der Softwaremodernisierung ist der Spielzug Erhöhung der Marktzutrittsschranken ein Spiel mit dem Feuer. Natürlich kann die Konkurrenz in Schach gehalten werden, um zu vermeiden, Marktanteile abgeben zu müssen. Ein Softwaresystem muss hier erst eine gewisse fachliche, technische oder regulatorische Komplexität bewältigen (z. B. Steuergesetzgebung, Buchführungsvorschriften, Normen oder Bankregulatorik), um in einen Markt einzudringen. Dies erschwert es insbesondere Startups bei bestimmten Geschäftsfelder Land zu gewinnen. Ist man als Unternehmen selbst bereits im Besitz eines solchen Softwaresystems, ist alles in Ordnung. Jedoch wird dieses System spätestens bei der Verbesserung oder Neuschreibung zum Verhängnis. Ein Nachfolgesystem muss ebenfalls den hohen Ansprüchen des Marktes genügen. Hat man den Markt jedoch vorher vielleicht sogar selbst dazu erzogen, ein komplexes System einzusetzen (siehe Bildung), muss ein nachfolgendes System diese Komplexität ebenfalls bewältigen. Die Nutzenden stellen bei z. B. fehlenden Features dann unangenehme Fragen und sind allgemein auch sehr anspruchsvoll. Auch wenn ein Unternehmen selbst dafür mit Lobbyarbeit dafür gesorgt hat, etwa eine Abwehrende Regulierung herbeizuführen, hat es sich das Unternehmen selbst kostspielige Arbeiten für das Nachfolgesystem eingefangen. Eine Gefahr droht auch, falls es Konkurrenten gelingt, die Barrieren für den Markteintritt zu senken (Stichwort “Liberalisierung”). In diesem Fall sitzt ein Unternehmen, welches den Spielzug zuvor gespielt hatte, womöglich auf einer zu komplexen und dadurch zu teuren Weiterentwicklung einer Software, welche am Markt weniger Chancen hat. Daher ist es ratsam, sich als Unternehmen selbst die Vorgaben nicht zu hoch zu stecken oder etwa bei der Aufweichung von Vorgaben mitzuwirken, um selbst in naher Zukunft ein einfacheres Softwaresystem am Markt zu etablieren.
Prokrastination
Procrastination
Nichtstun und zulassen, dass der Wettbewerb ein System zu einer fortschrittlicheren Entwicklung führt.
– Simon Wardley
Der Spielzug Prokrastination bezieht sich auf die absichtliche Verzögerung einer eigenen Aktion oder Entscheidung, um einen Vorteil zu erlangen. Er kann verwendet werden, um Zeit zu gewinnen, um vorübergehende Nachteile zu vermeiden, um die Konkurrenz in Unsicherheit zu halten oder um die eigentlich notwendige eigene Weiterentwicklung auszusitzen.
Prokrastination kann in verschiedenen Kontexten angewendet werden, wie zum Beispiel bei rechtlichen Auseinandersetzungen oder bei Fusionen und Übernahmen, wo eine Partei absichtlich zögert, um einen Vorteil zu erlangen. Auch beim Aufkommen neuer, disruptiver Technologien kann prokrastinieren in bestimmten Fällen eine geschickte Wahl darstellen.
Insbesondere bei Technologieneuerungen kann ein geschicktes Aufschieben vorteilhaft sein, um es zu vermeiden, zu früh als Early Adopter in ein unbekanntes Territorium vorzustoßen. In gewissen Situationen ist es ausreichend, Fast Follower zu sein, um die Früchte anderer zu ernten (vielleicht sogar über Früchte ernten). Prokrastination kann auch mit anderen Marktmitbegleitern angewendet gespielt werden, indem man absichtlich Verzögerungen einführt, um eine Entscheidung oder Aktion zu verzögern. Dies kann erreicht werden, indem man zum Beispiel zusätzliche Informationen anfordert, um notwendige Entscheidungen zu verzögern, oder indem man sich auf irrelevante Details konzentriert, um eine Entscheidungsfindung zu erschweren.
Praxisbeispiele
- 2019 wurde die Umsetzung der Zahlungsdienstrichtlinie PSD2 für ein sicheres Bezahlen im Internet für Zahlungsempfänger verschoben. Zahlungsdienstleister und sogar ganze Staaten hatten die Umsetzung der Richtlinie hinausgezögert. Quelle
Prokrastination führt auf der positiven Seite dazu, dass die Partei, die den Spielzug anwendet, mehr Zeit hat, um ihre Position zu stärken oder um bessere Verhandlungsbedingungen zu erreichen. Auf der negativen Seite kann es zu einem Verlust von Glaubwürdigkeit und Vertrauen führen, wenn die Verzögerung als unprofessionell oder unehrlich wahrgenommen wird.
Abwehrende Regulierung
Defensive Regulation
Regierungen nutzen, um den eigenen Markt zu schützen und Wettbewerber auszubremsen.
– Simon Wardley
Der Spielzug Abwehrende Regulierung zielt darauf ab, durch Regulierungen oder Gesetzesänderungen einen Markt zu schützen, um bestehende Akteure vor Wettbewerb zu schützen. Dies kann sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene geschehen.
Der Spielzug Abwehrende Regulierung kann in einem Markt angewendet werden, in dem etablierte Unternehmen oder Branchen durch neue, innovative Wettbewerber bedroht werden, um deren Markteintritt zu erschweren oder zu verhindern (siehe Erhöhung der Marktzutrittsschranken).
Die Anwendung des Spielzugs erfolgt Abwehrende Regulierung stark durch Lobbyarbeit bei politischen Entscheidungsträgern. Die etablierten Unternehmen können versuchen, ihre Interessen durch finanzielle Unterstützung von politischen Parteien oder durch direkte Kontakte zu Politikern durchzusetzen. Durch die Schaffung von Regulierungen oder Gesetzesänderungen können sie den Markteintritt von Wettbewerbern erschweren oder verhindern.
Praxisbeispiele
- 2018 haben die Bürger der San Francisco den Markteintritt von E-Scooter-Anbietern erschwert, indem sie die Stadt zu Regulierungen gedrängt haben, die den Betrieb von E-Scootern einschränken. Quelle
Die Anwendung des Spielzugs Abwehrende Regulierung kann langfristig negative Auswirkungen auf den betroffenen Markt haben, da Innovationen und Wettbewerb durch die Regulierungen behindert werden. Dadurch können die etablierten Unternehmen in eine Position der Stagnation geraten oder sich Monopole bilden, welche zu hohen Preisen am Markt führen können. Zudem kann es zu politischer Instabilität führen, wenn der Eindruck entsteht, dass Entscheidungen der Politiker zu stark von den Interessen der Unternehmen beeinflusst werden.