Fokus: Umgang mit Gift

Dealing with toxicity

Elemente der Wertschöpfungskette werden im Laufe der Zeit irrelevant, und es gibt zahlreiche Möglichkeiten, damit umzugehen, zumal die entstehende Trägheit toxisch werden kann.
– Simon Wardley

In diesem Fokus geht es um das Absondern von toxische Elemente, welche im Laufe der Zeit irrelevant wurden, um die zukünftige positive Entwicklung der Organisation nicht zu gefährden. Ich muss sagen, dass mir spätestens bei diesem Fokus klar wurde, welches Potenzial in den strategischen Zügen stecken. Aber sehe dir selbst an, welche Arten von weiteren Möglichkeiten du hast, um geschickter mit der Last deines Softwaresystems (oder Teile davon) umzugehen.

Abgabe der Haftung

Disposal of Liability, wahrlich neutral

Überwindung der internen Trägheit etwas zu beseitigen. Die eigene Organisation wird sich wahrscheinlich gegen dich wehren, selbst wenn du versuchst, das Gift loszuwerden.
– Simon Wardley

Bei Abgabe der Haftung versucht ein Unternehmen, die Verantwortung und Haftung für ihrer Handlungen (oder Unterlassungen dieser) auf andere Parteien abzuwälzen. Dies kann durch Verträge, Haftungsausschlüsse oder andere juristische Mittel geschehen.

Abgabe der Haftung kann genutzt werden, wenn ein Unternehmen ein Risiko eingeht, das zu rechtlichen Konsequenzen führen könnte, oder wenn ein Softwaresystem möglicherweise Schäden verursachen könnte.

Um die Haftung abzuwälzen, können Unternehmen beispielsweise Haftungsausschlüsse in ihren Verträgen oder Nutzungsbedingungen aufnehmen. Ein weiteres Mittel ist die Gründung von Tochtergesellschaften oder Joint Ventures, um das Risiko auf andere Parteien zu verteilen. Auch Versicherungen können dazu beitragen, die Haftung zu begrenzen oder zu übertragen. Ebenso kann das Auslagern ungeliebter, aber notwendiger Geschäftstätigkeiten durch Abgabe an Dritte zu diesen hin verlagert werden wie etwa revisionssichere Archivierung. Wenn Archivierung nicht das Kerngeschäft ist, ist die große Frage, ob dies durch die eigene Entwicklung eines solchen Systems nicht zu viel einem Projekt oder Unternehmen aufbürdet. Daher lohnt es sich darüber nachzudenken, diese Teile in einem Softwaresystem zu identifizieren, vom Rest der Anwendung abzukapseln und auszulagern. Das Auslagern kann hier etwa durch eine Drittsoftware passieren, einem zentralen Standardsoftwaresystem im Unternehmen oder der Nutzung von Cloud-basierten Lösungen. Ein gleichartiges Vorgehen ist auch rund um Zahlungsaktivitäten sinnvoll, welche ein Unternehmen nur schwer in der rechtlich geforderten Qualität durchführen kann.

Praxisbeispiele

  • im Skandal um die Software für manipulierte Abgaswerte bei VW im Jahr 2015 versuchte der Autohersteller, die Verantwortung auf einzelne Mitarbeiter abzuwälzen und sich selbst von der Haftung freizusprechen. Quelle
  • Facebook versucht, die Verantwortung für die Verbreitung von Falschinformationen und Hassrede auf seiner Plattform auf die Nutzer und die Politik abzuwälzen. Quelle

Eine typische Anwendung in der Softwaremodernisierung ist etwa die Auslagerung der Weiterentwicklung und des Betriebs von nicht mehr strategisch wichtigen Legacy-Systemen an einen externen Dienstleister. Vor allem bei Fällen, wo es interne Widerstände von Fachabteilungen gibt, ein an sich funktionierendes Legacy-System komplett abzuschalten, weil viele Prozesse darauf aufbauen, kann diese Variante eine interessante Option sein. Das Loswerden dieser Anwendung bedeutet oft auch einen Befreiungsschlag für interne Entwicklungskapazitäten, um freie Hand für mehr drängende Modernisierungsarbeiten zu haben. Um die Abgabe der Haftung durchzuziehen, muss ein externer IT-Dienstleister gefunden werden, der Erfahrung mit der Wartung solcher Legacy-Systeme hat. Das alte CRM-System wird dann komplett an diesen Dienstleister ausgelagert. Dieser übernimmt den Betrieb, die Wartung und kleinere Anpassungen. Durch diese Vorgehensweise hat das Unternehmen die Verantwortung für das alte, “toxische” Legacy-System an einen Dritten abgegeben, kann die Funktionalitäten aber weiterhin nutzen. Gleichzeitig kann sich das Unternehmen auf die Entwicklung neuer Software fokussieren, ohne durch die Wartung alter Systeme ausgebremst zu werden.

Abgabe der Haftung hilft einem Unternehmen, den ordnungsgemäßen Betrieb sicherzustellen und auch teilweise Haftungsfragen auszulagern, um sich vor rechtlichen Konsequenzen zu schützen und eigene Risiken zu minimieren. Allerdings kann dies auch dazu führen, dass die Verantwortung durch die gewählten Dienstleister nicht angemessen wahrgenommen wird und dass diejenigen, die hier dann betroffen sind, keine Entschädigung erhalten im Spiel der gegenseitigen Schuldzuweisungen zwischen Unternehmen und Dienstleister.

Ausquetschen und davonstehlen

Sweat and Dump

Ausnutzung einer dritten Partei, die den Betrieb des toxischen Vermögenswerts übernimmt, während man sich selbst auf den Ausstieg vorbereitet.
– Simon Wardley

Der Spielzug Ausquetschen und davonstehlen bezieht sich auf die Praxis, eine Last auf fremden Schultern zu packen, um sich danach davonzumachen. In vielen Fällen wird das fremde Unternehmen hierbei unterbezahlt und/oder unter schlechten Arbeitsbedingungen ausgebeutet, während die Produkte zu einer hohen Gewinnspanne beim ursprünglichen Unternehmen führen.

Der Spielzug Ausquetschen und davonstehlen kann angewendet werden, wenn ein Unternehmen Software herstellen möchte, die zu einem niedrigen Preis verkauft werden sollen, aber dennoch eine hohe Gewinnspanne erzielt. Es kann auch angewendet werden, wenn ein Unternehmen den Arbeitsmarkt durch Fremdvergabe ausnutzen möchte, um die Entwicklungskosten zu senken.

Der Spielzug kann auf unterschiedliche Art und Weise gespielt werden, je nachdem, welche Leistungen ein Unternehmen anbietet. Wenn ein Unternehmen z. B. einen Webshop zur Bestellung von den eigenen, hergestellten Produkten anbietet möchte, kann die gesamte Software dafür an einen Dritten übergeben werden, der sich dann um die weitere Entwicklung und der Bereitstellung des Webshops kümmert. An sich wäre das ein klassisches Outsourcing. Bei Ausquetschen und davonstehlen hat aber das klare Ziel, den Dritten stark in die Mangel mit entsprechenden Verträgen und Vereinbarungen zu nehmen. Es ist angedacht, ihn also auszuquetschen (was auch nur Sinn ergibt, wenn man sich von dem abgegebenen Softwaresystem sowieso verabschieden möchte). Wird dieser Spielzug gespielt, ist es hier insb. in der eigenen Entwicklung wichtig, dieses Vorgehen früh zu kommunizieren, um nicht unnötig Qualität in ein System einzubauen, das abgegeben wird. Die eingebaute Qualität wird aufgrund des Preisdrucks von der dritten Partei nicht gewahrt werden können.

Eine Anwendung in der Softwaremodernisierung kann in Erwägung gezogen werden, wenn etwa in einem großen Finanzdienstleistungsunternehmen eine seit Jahrzehnten existierende monolithische Buchhaltungsanwendung basierend auf veraltete Technologie über mehrere Jahre hinweg abgelöst werden soll. Aktuell bauen jedoch noch zu viele kritische Prozesse und Datenströme seit Ewigkeiten auf diesem System auf. Die Angst vor einer radikalen Ablösung ist daher sehr groß. Bei Ausquetschen und davonstehlen sucht ein Unternehmen daher einen spezialisierten IT-Dienstleister mit ausgewiesener Expertise im Betrieb von Legacy-Systemen. Mit diesem Dienstleister wird nun ein Vertrag über mehrere Jahre geschlossen. In dieser Zeit würde der Dienstleister die komplette Verantwortung für den Betrieb, die Wartung und kleinere Anpassungen der Altanwendung übernehmen (wie bei Abgabe der Haftung). Gleichzeitig beginnen nun die internen Teams mit der Entwicklung einer neuen, modernen Buchhaltungslösung auf Basis von Cloud-nativen Architektur. Über die nächsten Jahre erfolgt dann eine schrittweise Migration von Daten, Funktionen und Prozessen von der Altanwendung auf die neue Lösung. Die Funktionalität der Altanwendung wird also Schritt für Schritt ausquetscht, um sie zu einer neuen Anwendung zu überführen. Der externe Dienstleister unterstützt diesen Prozess und stellt sicher, dass das Tagesgeschäft nicht beeinträchtigt wird. Nach Ablauf der Migrationsphase ist die neue Lösung dann vollständig einsatzfähig. Der Vertrag mit dem Dienstleister läuft dann aus und die alte Anwendung wird endgültig abgeschaltet. Durch diesen Spielzug kann ein Unternehmen einen kontrollierten Übergang in die moderne Welt schaffen. In der Übergangsphase hat sich das Unternehmen zuerst von der “toxischen” Altlast befreit, ohne durch einen radikalen Schnitt das Geschäft zu gefährden. Die internen Widerstände wurden entschärft und das Unternehmen konnte sich voll auf die Zukunft konzentrieren.

Die Anwendung des Gameplays Ausquetschen und davonstehlen kann zu positiven Folgen wie niedrigeren Entwicklungskosten und höheren Gewinnmargen führen. Unternehmen, die diesen Spielzug zu aggressiv anwenden (etwa mit der Übergabe der kompletten Verantwortung mit totaler Schrottsoftware), riskieren, langjährige Partnerschaften mit Dienstleistern zu verlieren.

Katze im Sack

Pig in a Poke, chaotisch böse

Eine Situation zu schaffen, in der andere glauben, dass der toxische Vermögenswert einen langfristigen Wert hat, und ihn zu verkaufen, bevor die Schädlichkeit zu Tage tritt.
– Simon Warldey

Katze im Sack bezeichnet das Verkaufen von etwas, ohne dass der Käufer genau weiß, was er bekommt. Oft wird hier auch noch das Angebot als eine vermeintlich großartige Sache angepriesen, ohne dass der Käufer die Möglichkeit hat, dies vor dem Kauf ausführlich zu prüfen. Er darf also nicht in den Sack schauen, um herauszufinden, welche bzw. ob sich überhaupt eine Katze im Sack befindet.

Der Spielzug Katze im Sack kann in vielen verschiedenen Situationen angewendet werden, in denen der Verkäufer den Kunden dazu bringen will, etwas zu kaufen, ohne dass er genau weiß, was er bekommt. Es kann zum Beispiel in der Vermarktung von neuen Produkten oder Dienstleistungen, bei Auktionen oder bei Verhandlungen eingesetzt werden. Auch fällt das geschickte Verpacken von neuartigen Ideen unter diese Kategorie, wo sich dann nach dem Verkauf herausstellt, dass es sich um etwas belangloses, langweiliges altes etwas handelt.

Für das Spielen muss der Anbieter den Kunden davon überzeugen, dass das Angebot so großartig ist, dass er es einfach kaufen muss, ohne es im Voraus zu überprüfen. Dazu kann der Verkäufer verschiedene Taktiken einsetzen, wie zum Beispiel Druck ausüben, den Kunden in die Enge treiben oder ihm das Gefühl geben, dass er eine einmalige Gelegenheit verpasst, wenn er das Angebot nicht annimmt.

Praxisbeispiele
- IBM benötigte in den 1980er Jahren ein Betriebssystem für seinen Personal Computer, aber hatte keine Erfahrung in der Entwicklung von Betriebssystemen. Microsoft konnte IBM davon überzeugen, dass MS-DOS das richtige Betriebssystem war, obwohl es noch in der Entwicklung war und noch nicht fertiggestellt war. Der Rest ist Geschichte. Quelle

  • die Veranstalter des Fyre Festivals haben ihr Event als luxuriöses Musikfestival auf einer exklusiven Insel beworben, ohne jedoch die erforderlichen Infrastrukturen dafür bereitzustellen. Die Gäste waren gezwungen, in Zelten zu schlafen und bekamen minderwertige Verpflegung. Quelle
  • die Gründer von Centra Tech haben ihren Kryptowährungsstart als revolutionär und zukunftsweisend beworben, obwohl sie wussten, dass ihre Technologie nicht funktionierte und dass sie Investoren betrogen haben. Quelle

Katze im Sack ist in der Softwaremodernisierung auf der Anbieterseite meist eine Erlösung und für den Nutzenden meist ein zu gutes Angebot, um wahr zu sein. So kann etwa ein Unternehmen Jahrzehnte lang auf eine Basissoftware einer anderen Softwarefirma sämtliche eigene Geschäftssoftware aufgebaut haben. Die andere Softwarefirma könnte aber, nachdem nur noch das eine Unternehmen ihr einziger Kunde der Basissoftware ist, ihre Software abgekündigen. Das Unternehmen hat dann kurzfristig womöglich keine andere Wahl, als den Sourcecode und die Rechte an der Software zu kaufen, um ihr eigenes Überleben zu sichern. Als Außenstehender kann man sich leicht ausmalen, dass die Software seit Jahren nicht mehr aktualisiert worden war und dass es keine Garantie dafür gab, dass sie in Zukunft reibungslos funktionieren würde. Daher wird diese Software meist unter Ausschluss sämtlicher Garantien, aber inkl. Rechte an den dem Quellcode an das nutzende Unternehmen verkauft – die klassische Katze im Sack.

Katze im Sack kann zu positiven Ergebnissen führen, wenn der Anbieter in der Lage ist, den Kunden von der Qualität des Angebots zu überzeugen und wenn das Angebot tatsächlich hält, was es verspricht. Hier wird sogleich eine erste Vertrauensbasis geschaffen. Jedoch kann die Anwendung des Spielzugs auch zu negativen Konsequenzen führen, wenn der Käufer das Gefühl bekommt, betrogen worden zu sein oder wenn das Angebot nicht den Erwartungen entspricht. Dies kann zu einem Verlust des Vertrauens bzgl. des Anbieters und dadurch zu einem Schaden für das Image des Unternehmens bis zu einem Treffen vor dem Richter führen.