Wie die Sterne an den Himmel kamen

In einer anderen Welt, zu einer anderen Zeit, als das Firmament noch völlig leer und schwarz war, glaubten die Menschen anders als heute. Für sie gab es nicht nur Götter, sondern auch zwei Wesen die Großmutter und Großvater genannt wurden. Die Großmutter Natur ist eine alte Existenz, die aus dem Wollknäuel der Welt das Leben strickt und der Großvater Zeit löst die Fäden ganz langsam wieder auf und wickelt das Garn wieder zur Weltenkugel. Großmutter hat ein gütiges, lachendes Gesicht und scheint des Tags warm auf uns herab, während sie von der Welt den Urstoff nimmt und mit ihren Strahlen an uns strickt, bis wir vollendet sind. Großvater dagegen ist blind und des Nachts kann man sein Auge über den Himmel wandern sehen, darum ist es ihm auch gleich, wer oder was wir sind und so nimmt er gleichmäßig von allen, um es wieder der Welt zurückzugeben, bis wir wieder eins sind mit der Welt und aufs Neue entstehen können. Da Großvater die Zeit ist, wird seit jeher der Lauf seines Auges als das Maß gesehen, mit dem der Jahreslauf in Monate geteilt wird. Doch neben der Zeit hatten die Völker kein Maß für die Orientierung und irrten ziellos umher. So kamen sie eines Tages zusammen und berieten, was zu tun sei. Man beschloss, die Götter um Rat zu fragen. Waren sie doch die Kinder und somit die Ersten, die von den beiden Alten geschaffen wurden. Ein jeder betete zu seinen Göttern und diese gaben ihnen folgende Antwort: „Überall auf dem Weltenknäuel leben unsere Kinder, die Enkel der Alten. Findet sie und sie werden Euch den Weg weisen.“ So machten sich alle Völker auf die Suche und um einander nicht zu verlieren, zogen sie als Karawane um die Welt. Jeder Enkel den sie fanden, konnte sie zum Aufenthaltsort des Nächsten führen und so spürten sie mit der Zeit alle Enkel auf. Eines Tages war es dann vollbracht und alle Enkel waren versammelt. Die Menge, die auf dem weiten Feld ihr Lager aufgeschlagen hatte, war unüberschaubar und doch lag über der Gemeinschaft ein stetiger Frieden. In der darauf folgenden Nacht, hob ein gewaltiges Brausen an und dunkle Wolken zogen auf. Es blitzte und donnerte, so sehr, dass selbst der Mutigste Furcht im Herzen verspürte. Doch die Enkel beruhigten sie: „Habt keine Angst, Euch wird kein Leid geschehen. Das was Ihr vernehmt, ist der Pfad zum Firmament, der sich gerade formt.“ Mit diesen Worten erhob sich der erste langsam in die Luft, dicht gefolgt vom zweiten, dritten und so weiter. Bis sich die ganze Schar vom Boden gelöst hatte und in den Wolken verschwand. Blitze umzuckten sie und jeder der getroffen wurde, begann in einem überirdischen Licht zu strahlen. Nachdem der Letzte von der dichten Wolkendecke verschluckt wurde, trat auf einmal völlige Stille ein. Der Himmel öffnete sich und gab den Blick frei, auf ein wundervolles Bild. Das finstere Schwarz der Nacht war einem samtenen Dunkel gewichen, das von tausend und abertausend kleinen Lichtpunkten durchzogen war. Ehrfürchtig blickten die Völker empor und besahen sich das Wunderwerk. Sie löschten alle Fackeln und Feuer, um das Lichtermeer dort droben besser sehen zu können. Die Herzen aller waren von Seligkeit erfüllt und zum Gedenken an diese Nacht wird seit dem jedes Jahr in dieser Nacht kein Licht entzündet und man geht zur letzten Stunde hinaus und gedenkt dem Geschenk der Götter, die ihre Kinder zu ihren Großeltern schickten, auf dass sie allen lebenden Wesen künftig den Weg weisen.