Der Herrscher

Die Geschichte, welche ich nun erzähle, ereignete sich in einem friedlichen Land, dessen Name mir leider entfallen ist. Der dort herrschende König ist ein weiser und gerechter Mann, der mit Umsicht und Güte regiert. Das Volk liebt ihn und er schätzt es sehr, einmal im Monat in die Schenke der Hauptstadt zu gehen, um dort aus erster Hand zu erfahren, wie es um sein Reich bestellt ist und wie seine mannigfaltigen Entscheidungen das Leben der Bevölkerung beeinflussen. So kam es, dass just an dem Tag, an dem seine Majestät wieder einmal die Wirtschaft betrat, ein alter Wanderer an einem der Tische nahe der Theke saß. Als der Wirt die Ankunft des Herrschers bemerkte, rief er hocherfreut: „Seht Leute, wer wieder unser Wirtshaus beehrt. Steht alle auf und erweist unserem gütigen Herrscher Ehre.“ Nachdem er geendet hatte, verbeugte er sich so tief, wie sein wohlgenährter Bauch es zuließ. Die Leute folgten seinem Beispiel, nur der Alte musterte den Neuankömmling mit hochgezogener Augenbraue und wandte sich uninteressiert wieder seinem Essen zu. Als der Wirt dies bemerkte, wandte er sich flüsternd an ihn und sagte: „Hey, alter Mann. Warum zeigt Ihr keine Ehrerbietung vor dem König?“ Stahlblaue Augen musterten den Wirt, als er ihm leise antwortete: „Warum sollte ich das tun?“ Der Wirt schnappte nach Luft: „Das meint Ihr doch wohl nicht ernst?“ zischte er, „Er ist der König, ein weiser und nachsichtiger obendrein. Er hat uns Frieden und Wohlstand gebracht, der nun schon seit vielen Jahren anhält.“ Der Reisende blickte weiter unverwandt den Wirt an, der dem Blick auswich und sagte: „Ihr sagt es, guter Mann. Er hat EUCH das alles gebracht und darum sehe ICH keine Veranlassung mich vor ihm zu verneigen.“ Der König, der die Szene in gebührendem Abstand verfolgt hatte, sah dass für den alten Mann die Debatte beendet war und so trat er an die beiden heran und fragte: „Guten Abend die Herren, gibt es ein Problem, welches meine Person betrifft?“ Der Wirt wurde schlagartig leuchtend rot im Gesicht und stammelte: „Nein, nein… Majestät… äh… ganz sicher nicht Majestät… es… es… ach verflixt! Der sture Alte hier… er weigert sich, Euch Respekt zu zollen… den Ihr ganz ohne Frage verdient… ja genau!“, er holte Luft. Der Herrscher hörte sich schweigend an, was der dicke Wirt vorzubringen hatte und nickte bedächtig. Dann wandte er sich dem Sitzenden zu und fragte: „Wollt Ihr dem noch etwas hinzufügen?“ Der Angesprochene hob den Kopf und fing den Blick des vor ihm Stehenden ein. Die Leute die dabei waren (oder zumindest jemand kannten der dabei war) behaupteten, dass zwischen den beiden Männern Blitze gezuckt hätten, als sich ihre Blicke trafen und ein lautes Knistern in der Taverne zu hören war (welches aber - realistischeren Zeitgenossen zufolge - nur vom Feuer im Kamin stammte). Nachdem sie kurz ihre Blicke gemessen hatten, gab der Alte zurück: „Nur eines möchte ich sagen: Ich habe in meinem ganzen Leben mein Haupt weder vor Herrschern, noch vor Göttern gebeugt, nur vor einer Sache… und so Ihr mir beweisen könnt, dass ihr diese Tugend besitzt, bin ich bereit mich in ehrlicher Demut vor Euch zu verneigen.“ Nachdem er geendet hatte, lächelte der Monarch: „Wahrlich, Ihr seid ein Mann mit Prinzipien und denen will ich nicht im Weg stehen. Offen gestanden, lege ich keinen Wert darauf, ob man mir Demut zeigt oder nicht, denn letzten Endes sind wir doch alle nur Menschen. So gehabt Euch wohl und weiterhin gute Reise.“ Als sich der Regent gerade zum Gehen wandte, erhob sich der Alte mühsam mit Hilfe seines Wanderstocks und neigte das Haupt: „Majestät, aus Euren Worten spricht die Weisheit des Respekts. Ihr akzeptiert meine offenkundige Missachtung Eures Standes und bestätigt mich sogar in meinem Tun, weil Ihr den Geist der Freiheit darin erkanntet… fürwahr Ihr seid ein außergewöhnlicher Mann. Darum wünsche ich Euch eine lange und erfolgreiche Regentschaft, auf dass Euer Land weiterhin so erblüht wie bisher, denn Ihr wisst ja: Die Größe eines Herrschers wird nicht an der Zahl seiner Armee, seiner Untergebenen oder der seiner Feinde gemessen und auch nicht an der Größe seiner Ländereien oder Schätze sondern nur an der Weisheit und Umsicht mit der der regiert.“