Der Weise und die Wahrheit
Einst fragte ein Mann einen Weisen: „Oh Ehrwürdiger, sagt mir, was ist Wahrheit?“ Der Weise entgegnete ihm: „Wahrheit ist ein geschliffener Diamant: Spitz, kristallklar und hart. Wie beim Edelstein offenbart sich ihre Bedeutung erst in der Betrachtung der vielen Facetten. Denn je nachdem, wie man sie dreht und von welcher Seite man sie beleuchtet, sieht man unterschiedliche Dinge in ihr. Wahrheit ist immer auch Auslegungssache. Ebenso sehen wir die Dinge mit anderen Augen, wenn wir die Wahrheit durch die Brille der Erfahrung betrachten. Abhängig davon, welche wir gerade aufhaben.“ Nachdem er geendet hatte, sah er in den Augen seines Gastes, dass dieser seinen Worten nicht folgen konnte. Darum versuchte er es mit einer Geschichte: Der Meister hörte eines Tages, wie seine Schüler sich zankten. Da ging er hinaus, um zu erfahren, was passiert sei. Sie sagten, dass sie in Streit darüber gerieten, ob und wie mit dem Alter die Weisheit kommt. Der Meister antwortete: „Die Weisheit des Alters ist eine Flasche Wein, die in ein Glas gegossen wird.“ Seine Schüler standen ratlos da und fragten, was er denn damit sagen will. Doch der Meister entgegnete nur: „Denkt darüber nach und lasst uns morgen reden. Ich bin müde.“ Dann ging er ins Haus. Am nächsten Tag fragte er seine Schüler, was bei ihren Überlegungen denn nun herausgekommen sei. Der erste Schüler sagte: „Der Wein verdeutlicht Reife. Sind die Trauben gut, wird auch der Wein gut. Sind die Trauben schlecht, wird er Essig. So hängt die Weisheit des Alters von Erfahrungen ab, die man im Laufe des Lebens gemacht hat.“ Der Meister nickte und ließ den zweiten Schüler reden: „Die Flasche steht für das Leben. War es voll von Erfahrungen, kann man viel heraus giessen, war es leer, wird auch die Weisheit ausbleiben.“ Dann wandte er sich dem dritten Schüler zu, der sagte: „Das Glas bedeutet begrenzte Menge und so groß wie das Glas ist, soviel Wein kann ich aus der Flasche entnehmen. Auch der Mensch kann nur begrenzt Weisheit aus seinem Leben behalten.“ Der Meister schmunzelte, drehte sich um und wollte ins Haus gehen. Doch seine Schüler baten wie aus einem Mund, dass er ihnen sagen solle, wer von ihnen denn nun Recht hatte. Doch der Meister sagte nur, dass jeder auf seine Weise Recht hatte und Weisheit nicht dadurch kommt, dass man anderen nachplappert, sondern selbst seinen Sinn in den Dingen erkennt. Als der Weise ans Ende seiner Geschichte gekommen war, meinte sein Besucher: „Ihr wollt mir also sagen, dass es keine allgemeine Wahrheit gibt?“ Der Weise nickte: „Mir scheint, Ihr habt verstanden. Wahr ist alles, was Ihr für wahr erachtet. Darum hütet Euch vor jenen, die Ihre Wahrheit als die einzig Richtige anpreisen.“