Eine Weihnachtsgeschichte (Frei nach Charles Dickens)
Es war ein Tag wie jeder andere. Abgesehen davon, dass bald Weihnachten sein würde. Aber das war ihm egal. Wie jeden Morgen stand er missmutig auf und brachte den Tag mit der gleichen fehlenden Begeisterung hinter sich. Abends ließ er sich in seinen Sessel fallen und schaltete den Fernseher ein. Doch das Programm war scheußlicher als die kitschige Deko in den Läden. Nachdem er einige Kanäle durchgewechselt hatte, blieb er bei einem Film hängen. Erst nach einigen Minuten erkannte er, dass es sich dabei um eine moderne Form von Charles Dickens Weihnachtsmärchen handelte. Mürrisch schaltete er den Fernseher aus und brummelte: „Bleibt man denn nirgends davon verschont? Ständig dieses stille Nacht Getue.“ Mit seiner Laune auf einem Tiefpunkt, der weit unter den winterlichen Temperaturen lag, schlurfte er in die Küche und machte sich einen Tee. Damit bewaffnet kroch er in sein Bett und zog die Decke über den Kopf. Bald darauf war er auch schon eingeschlafen. Lang dauerte sein Schlaf allerdings nicht an, denn irgendetwas zupfte ständig an seiner Decke. Von der andauernden Störung genervt machte er die Nachttischlampe an. Erstaunt sah er neben seinem Bett ein kleines Mädchen stehen, das ihn lächelnd ansah. „Wer bist Du und was machst Du hier?“, fragte er mit verschlafener Stimme. Sie entgegnete: „Ich bin der Geist der ver…“ Er unterbrach sie: „Einen Moment bitte. Du willst sagen, dass Du der Geist der vergangenen Weihnacht bist?“ Immer noch lächelnd nickte das Mädchen, während er fortfuhr: „Und Du willst mir zeigen, dass meine Abneigung gegenüber Weihnachten völlig unbegründet ist? Ihr Nicken wurde energischer. Er dagegen sah sie nur unbewegt an und dachte bei sich: „Entweder ist das jetzt eine versteckte Kamera oder ich träume. Egal, mich legt keiner herein.“ Laut sagte er: „Warum nicht? Aber lass es mich doch selbst versuchen.“ Sie legte den Kopf schief und sah ihn fragend an. „Ich meine, wenn wir schon in die Vergangenheit reisen, warum nicht in meine? Das müsste doch den größtmöglichen Eindruck auf mich haben. Meinst Du nicht?“ Sie strahlte über das ganze Gesicht. Plötzlich überfiel ihn ein Schwindelgefühl und der Anblick des Mädchens verschwamm vor seinen Augen. Als er wieder zu sich kam, standen sie in der alten Wohnstube seiner Kindheit. Seine Mutter kochte gerade das Weihnachtsessen, während sein kleiner Bruder - der noch ein Baby war - in der Wiege schlief. Dann ging die Tür auf und er - als Kind - stapfte herein, gefolgt von einem Schwall eiskalter Winterluft. Als er gerade erklären wollte, dass er so spät heim kam, weil sein Chef ihn nicht gehen ließ und ihm mit einem Rausschmiss gedroht hatte, falls er es doch wagen sollte, fuhr ihn die Mutter an: „Mach gefälligst die Tür zu! Es zieht!“ Dabei drehte sie sich nicht einmal zu ihm um. Wie ein geprügelter Hund schlich er zum Kleiderständer, hing seinen Mantel an den Haken und setzte sich an den Tisch. Doch das Unwetter war noch nicht vorbei. „Was fällt Dir ein, so spät nach Hause zu kommen? Meinst Du, ich habe nichts Besseres zu tun als auf Dich zu warten? Den ganzen Tag schufte ich, während Du Deinem gemütlichen Job nachgehst! Das bisschen Büro-Gehocke bringt uns nicht mal genug ein, um davon Essen zu kaufen! Du bist genau wie Dein Vater! Dieser Versager versäuft noch sein letztes bisschen Verstand. Bei diesen Worten wurde die Tür erneut aufgerissen und sein Vater kam herein. Als Erstes schrie er dabei seine Frau an. „Redest Du schon wieder von mir?“ Sie keifte zurück: „Natürlich! Oder siehst Du noch ein anderes verlottertes Wrack in diesem Raum?“ Puterrot angelaufen stapfte er auf seinen Sohn zu, packte ihn am Kragen und zog ihn zu sich heran. Der Gestank nach Alkohol raubte ihm fast die Sinne. „Hast Du etwa Deine Mutter schon wieder auf mich gehetzt?“ Ohne eine Antwort abzuwarten schleuderte er ihn zurück auf seinen Stuhl und wandte sich zur Tür. „Mir ist der Hunger vergangen. Ich geh in die Kneipe.“ Seine Frau schnappte fast über: „Ich habe den ganzen Tag versucht, mit den paar Kröten, die Dein Sohn nach Hause bringt, etwas Anständiges zu kochen und Du willst das Geld lieber versaufen?“ Er murrte nur: „Deinen Fraß kann doch eh keiner runterwürgen.“ Stapfte hinaus und warf die Tür hinter sich ins Schloss. Sie brach weinend neben dem Herd zusammen, das Baby brüllte wie am Spieß und der Junge saß zusammengekauert, wie ein Häufchen Elend, am Tisch und wünschte sich weit weg von diesem Ort. Als er dies alles aus den Augen eines Erwachsenen sah, hatte er das dringende Bedürfnis, zu dem Jungen zu gehen und ihn in den Arm zu nehmen. Doch soweit kam es nicht, denn schon verschwamm das Bild vor seinen Augen und er lag wieder in seinem Bett und das Mädchen stand vor ihm. Diesmal jedoch war ihr Lächeln einer starren Maske aus Verzweiflung gewichen und dicke Tränen kullerten ihre Wangen hinab. Ohne ein weiteres Wort wandte sie sich von ihm ab und rannte zur Tür hinaus. Er widerstand dem Drang ihr zu folgen und fiel in einen unruhigen Schlaf. Am nächsten Morgen wachte er wie gerädert auf. Erst nach und nach fiel ihm das nächtliche Ereignis wieder ein. Doch er tat es als Traum ab, der durch den gesehenen Film entstanden war. So quälte er sich durch einen weiteren Tag seines Lebens, vergrub sich in Arbeit, um sich von anderen Gedanken abzulenken. Abends im Bett hoffte er inständig, dass es wirklich ein Traum war und er nicht wieder durch Besuch belästigt werden würde. Sein Wunsch ging nicht in Erfüllung. Pünktlich zur zwölften Stunde hörte er das verräterische Tapsen von Schritten. Eine junge Frau stand neben seinem Bett. Normalerweise hätte er sich über eine solche Überraschung gefreut, doch diesmal war ihm die Gesellschaft zuwider. „Schon wieder Damenbesuch.“, murrte er. Sie schien von seiner Reaktion wenig überrascht zu sein und entgegnete mit einem leicht sarkastischen Unterton. „Wenn es dem gnädigen Herrn beliebt, kann ich ihn auch in männlicher Gestalt heimsuchen.“ Er winkte müde ab. „Nein, lass mal. Es ist schon in Ordnung. Darf ich annehmen, dass Du die gegenwärtige Weihnacht repräsentierst und Dich für mein Verhalten Deiner kleinen Schwester gegenüber revanchieren willst?“ Sie zog fragend eine Augenbraue nach oben. „Außerdem, wie siehst Du aus? Du kannst gar nicht der Geist der neuzeitlichen Weihnacht sein. Wo ist der Glanz und der Glamour? Du müsstest doch eigentlich unter der Last von optischen Spielereien schier zusammenbrechen.“ Nun wanderte auch die zweite Augenbraue hoch und gesellte sich zur Ersten. Er setzte sich im Bett auf und meinte begütigend. „Lass uns in die Stadt gehen, dann zeige ich Dir, was ich meine.“ Ohne ein weiteres Wort schnippte sie mit den Fingern und die Szene um ihn herum veränderte sich schlagartig. Statt in seinem Bett war er nun auf der taghell erleuchteten Straße. Trotz der späten Stunde herrschte noch reger Betrieb. Er brauchte einen Moment, um seine Beherrschung wieder zu finden, dann bedeutete er ihr, ihm zu folgen. Dozierend schritt er voran, an bunten Schaufenstern vorbei, die vollgestopft waren mit Spielsachen, Naschkram und allem, was das Herz begehrte. Die Menschen drängelten sich an den Kassen und es wurden Unsummen für billigen Tand ausgegeben, nur um sich gegenseitig in der Größe des Geschenks zu übertreffen oder um widerwillig der Verpflichtung eines Gegengeschenks nachzukommen. Ab und zu blieben sie an Häusern stehen, hinter deren Mauern Kinder mit Spielsachen überhäuft wurden, um ihnen keine Herzlichkeit geben zu müssen. In anderen Häusern wurden die Kinder mit elektronischen Kindermädchen namens Fernseher, Computer und Spielkonsolen ruhig gestellt, damit sie keine Aufmerksamkeit benötigten. Viele Hausbesitzer führten einen wahren Beleuchtungskrieg dessen Stromverbrauch die Kraftwerke an die Leistungsgrenzen brachte und deren Abwärme der Arktis einen Sommer mitten im Winter beschwerte. Zugleich gaben sich die Leute der Völlerei hin, begleitet von Spendenaufrufen wie: „Brot für die Welt, aber die Wurst bleibt hier!“ Ganz nebenbei und unbemerkt wurden mehrere Tannenwälder abgeholzt, um den Bäumen beim Austrocknen zusehen zu können. Über all dem schwebten sphärische Klänge, die eine „stille Nacht“ Lügen straften und die einem gigantischen Verwaltungsapparat weitere Unsummen in die Kassen spülten. Bedauerlich nur, dass ein Großteil des Geldes dafür aufgewendet werden musste, um es von den Künstlern fernzuhalten. Konsum, Kommerz, Kitsch, wo man auch hin sah. Es war überall, es verfolgte jeden und der Wahn begann alljährlich bereits mit dem Ende des Sommers, doch so schnell wie dieses Mal, endete er noch nie. Denn plötzlich saß er wieder in seinem Bett, um sich herum die kargen Wände seines Zimmers. Neben ihm stand schweigend die Frau, doch ihr Gesicht war blass und ihre Hände zitterten. Bevor er etwas sagen konnte, wandte sie sich bereits ab und ging hinaus. Auch diesmal hielt ihn etwas zurück und so versank er abermals in einen nicht sonderlich erholsamen Schlaf. Der nächste Morgen erwies sich noch quälender als der voran gegangene und so stürzte er sich noch mehr in die Arbeit. Doch so sehr er sich auch dagegen wehrte, fand dieser Tag doch irgendwann sein Ende. Rastlos schlich er durch die Stadt. Er wollte nicht nach Hause gehen. Die Trostlosigkeit seines Heims war ihm fremd geworden. Das Lichtermeer spendete auf seine eigene Art zumindest ein wenig Trost. Als er jedoch dann, an eine Hauswand gelehnt, von der Polizei aufgesammelt wurde, blieb ihm nichts anderes übrig, als sich dem Unvermeidbaren zu fügen. Wie die Nächte zuvor erschien auch in dieser Nacht eine Gestalt an seinem Bett. Eine Greisin. Er nickte nur müde. „Ich weiß, Du bist der Geist der künftigen Weihnacht und willst mich meiner Sterblichkeit gemahnen.“ Sie nickte. „Na gut, bringen wir es hinter uns.“ Er wartete, doch nichts geschah. Dann erst bemerkte er den erwartungsvollen Blick der alten Frau. „Du meinst, wir sollen zu Fuß gehen?“, entfuhr es ihm. Wieder das schweigende Nicken. Seufzend zog er sich an, und ging hinaus. An der Treppe reichte er ihr die Hand, die sie dankbar ergriff und gemeinsam wanderten Sie zur Stadtgrenze. Ihr Weg führte sie zum städtischen Friedhof. Er wusste, wohin das führen würde, denn die Geschichte von Charles Dickens kannte er nur zu gut. Doch auch diesmal wollte er sich sich nicht so leicht führen lassen. Sanft aber bestimmt zog er sie zu der Kirche, die zu dem Friedhof gehörte. Gemeinsam gingen die beiden hinein. Der Lärm von draussen drang nur gedämpft nach Innen und das grelle Licht der elektrischen Beleuchtung wich hier dem sanften Licht von Kerzen. Er erinnerte sich an Momente seiner Kindheit, die schön waren. Ihm fiel ein, wie er als junger Mann gerne Kirchen besucht hatte, um ihre Architektur zu bewundern. Selbst in der Hektik größter Arbeitslast war er doch regelmäßig - wenn auch nur kurz - in den alten Gemäuern gewesen. Gemächlich schlenderte er durch die geräumige Halle. Langsam glitt sein Blick über die Gemälde und Figuren. Er nahm nichts davon bewusst wahr, aber es erfüllte ihn mit Wehmut. Eine harsche Stimme riss ihn aber jäh aus seinen Gedanken. Sie schien dem uniformierten Mann zu gehören, der geradewegs auf ihn zu ging. „Sagen Sie mal, können Sie nicht lesen?“ Doch bevor er antworten konnte, ertönte eine weibliche Stimme hinter ihm: „Es tut mir leid, es war zu dunkel und ich wusste nicht, dass die Kirche geschlossen ist.“ Der Mann in Uniform schlug einen versöhnlicheren Ton an. „Nein, mir tut es leid, schließlich ist Weihnachten. Es ist nur so, dass ich bald meinen Job als Kirchenwächter verlieren werde.“ Die Frau fragte: „Wie kommt das?“ Der Wärter entgegnete: „Die Kirche wird geschlossen. Sie wissen schon. Kostensenkung und so. Die neuen Besitzer wollen ein Museum oder so etwas daraus machen.“ Die Fremde schüttelte den Kopf. „Das ist doch nicht möglich.“, doch der Wärter nickte: „Doch, ich fürchte, das ist es. Weihnachten hat seinen eigentlichen Sinn verloren und ohne Glauben braucht niemand Kirchen. Wissen Sie, Weihnachten war nur der Anfang vom Ende. Die Kirchen glaubten, sie müssten sich anpassen, modern werden. Doch damit konnten sie auch keine neuen Gläubigen für sich gewinnen, sondern verloren sogar die Alten. Dabei ging es nie um den Pomp und das Brimborium. Das lenkt ohnehin nur vom eigentlichen Inhalt ab. Es waren all diese Dogmen und Riten. Die Streitereien um die Wahrheit. Damit hat Weihnachten nun wirklich nichts zu tun. Das Fest ist eine Erneuerung der Hoffnung. Wer sich mit dem christlichen Gedankengut nicht anfreunden kann, könnte genauso gut das Licht des neuen Tages feiern. Der Gedanke, den wir im Herzen tragen ist es, der zählt.“ Dann schwieg er traurig und die Frau seufzte. Mit mühsam gefasster Stimme fuhr er fort: „Aber das alles ist nun bedeutungslos. Weihnachten ist tot.“ Bei diesen Worten spürte er eine Berührung und als er hinab sah, blickte er in die traurigen Augen der Greisin. Sie sah noch älter aus als am Beginn ihrer Begegnung. Auch ihr Gesicht war eingefallener und ihr Gang schwerfälliger. Draußen wandte sie sich von ihm ab und marschierte auf ein offenes Grab zu. Offensichtlich war ihr bewusst, dass ihre Zeit vorbei war. Doch anstatt sie gehen zu lassen, folgte er ihr und hielt sie zurück. Diesmal wurde er durch nichts gehindert. Er legte Ihr die Hand auf den Arm und sagte: „Geh nicht.“ Sie sah auf zu ihm und hatte ein gütiges Lächeln auf den Lippen. „Warum nicht? Du hattest von Anfang an Recht. Weihnachten ist vorbei. Du hast uns alle überzeugt.“ Er schüttelte den Kopf. „Nein, ich habe Euch nur davon überzeugt, was ich mir all die Jahre selbst eingeredet habe. dass Weihnachten furchtbar sei. Alles das, was mir widerfahren ist, war alltäglich. Doch an Weihnachten kam es mir noch schlimmer vor und ich habe diesen Tagen die Schuld daran gegeben. Das war falsch, das habe ich nun begriffen.“ Ein Lächeln huschte über das verwitterte Gesicht. „Deine Einsicht ist löblich, dennoch lag in Deiner ursprünglichen Meinung Wahrheit. Weihnachten, so wie es von Vielen erlebt wird, ist nicht das, was es sein soll. Deine Verbitterung über das Fest rief uns, doch Du hast uns gezeigt, dass es Gründe dafür gibt und dass die Gleichgültigkeit der Massen noch viel Schlimmer ist, als Deine offene Abneigung. Letzten Endes hast Du noch immer Gefühle, auch wenn sie in eine traurige Richtung weisen. Selbst jetzt, wenn Du umkehrst, sind da draußen noch so Viele, die uns nicht fühlen wollen oder können.“ Er schüttelte energisch den Kopf. „Nein, so darf es nicht enden. Ich will nicht, dass es so endet. NEIN!“ Mit dem Schrei auf den Lippen erwacht er in seinem Bett. Wie ist er dorthin gekommen? Wo ist die Kirche, die alte Frau? Ein Blick nach draußen zeigt ihm, dass es bereits heller Morgen ist. Er springt aus dem Bett und geht ins Bad. Nach dem Auswaschen blickt er in den Spiegel und sagt mit dem Brustton der Überzeugung: „Ich - Christian Stern - werde dafür sorgen, dass es nicht so endet!“ Entschlossen verlässt er das Haus in Richtung seiner Arbeit. Anstatt jedoch an seinen Arbeitsplatz in der Buchhaltung zu gehen, sucht er die Redaktion auf. Dort führt er ein langes Gespräch mit dem zuständigen Redakteur. Dieser bringt ihn daraufhin zu seinem Abteilungsleiter, der nach einem weiteren Gespräch dem Plan zustimmt. Schon am nächsten Morgen, dem 24. Dezember, ist ein mehrseitiger Artikel zu lesen. Den Abend kann Christian kaum noch erwarten und sobald es beginnt zu dämmern, macht er sich auf den Weg zur Stadtkirche. Dort klopft er an die Tür. Es dauert eine Weile, bis ihm der Kirchenwächter die Tür öffnet. „Ja, was wollen Sie?“ Christian lächelt freundlich: „Wenn Sie nichts dagegen haben, würde ich gerne herein kommen und eine Kerze anzünden.“ Der Wächter meint daraufhin: „Tut mir leid, wir haben keine Kerzen mehr. Es ist nicht genügend Geld da, um welche zu kaufen.“ Doch Christian lässt sich davon nicht beirren: „Das macht nichts. Ich habe eine mitgebracht.“ Da der Pförtner nun keine Einwände mehr vorbringen kann, die den Besucher davon abbringen würden zu gehen, lässt er ihn ein. Der Fremde tritt an den Altar, rollt eine mitgebrachte Plane aus und stellt seine Kerze darauf, die er dann auch anzündet. Etwas befremdlich kommt dem Wächter das Ganze schon vor, aber dann setzt er sich neben den Mann und gemeinsam verharren Sie einige Minuten schweigend. Dann hält er es nicht mehr aus und durchbricht die Stille mit einer Frage: „Was soll das mit der Kerze?“ Christian blickt auf und meint: „Ich möchte das Licht der Hoffnung in die Dunkelheit tragen.“ Der Wächter sieht ihn verständnislos an. Ohne ein weiteres Wort reicht Christian ihm die Zeitung. Dort zeigt er ihm den Artikel. Halblaut liest der andere die Worte: „Entzündet das Licht der Hoffnung … murmel, murmel, … bringen Sie eine Kerze … murmel, murmel, … Geist der Weihnacht …“ Nachdem er fertig ist, gibt er die Zeitung zurück und meint: „Deshalb sind sie hier?“ Christian entgegnet ruhig: „Ja.“ Doch der Wächter ist noch nicht zufrieden: „Und Sie glauben, dass noch mehr kommen werden?“ Christian zuckt lächelnd mit den Schultern: „Ich hoffe es.“ In diesem Moment klopft es an der Tür und ein junger Mann tritt ein. Auch er hat eine Kerze bei sich. Er entzündet sein Mitbringsel an der bereits brennenden Kerze und stellt es daneben. Kurz darauf pocht es wieder und eine ältere Frau mit einem kleinen Jungen an ihrer Seite betritt die Kirche. Nach und nach gesellen sich immer mehr Leute hinzu. Manche bleiben länger, Andere stellen ihre Kerze hin und verweilen nur kurz und wieder andere kommen mit leeren Händen, aber man sieht das Bedauern in ihren Gesichtern, nichts mitgebracht zu haben. Trotz des ständigen Kommens und Gehens herrscht eine andächtige, fast heilige Stille. Nach und nach leert sich der Raum, bis nur noch Christian und der Wächter übrig sind. Viele Kerzen sind bereits heruntergebrannt, doch noch immer ist die Luft von der Körperwärme und den Kerzen der Besucher erwärmt. Nur langsam erwachen beide wie aus Trance und sehen einander an. Schweigend reichen sie sich die Hände und drücken sie herzlich. Dann fällt ihr Blick zur Tür an der drei Gestalten stehen. Ein Junge, ein junger Mann und ein Greis. Sie lächeln überglücklich und im nächsten Augenblick sind sie verschwunden. Der Wächter blickt zu Christian und meint: „Haben Sie das auch gesehen?“ Doch der lächelt nur wissend. Der Wächter fragend: „Sie kennen die Drei nicht wahr?“ Christian zuckt mit den Schultern: „Kennen ist zuviel gesagt. Wir sind einander begegnet.“ Der Wächter lächelt nun auch: „Sie scheinen einen tiefen Eindruck hinterlassen zu haben.“ Christian entgegnet: „Ich denke, wir haben heute alle etwas gelernt.“