Der Weise und die Zukunft

Ein Mann kam zum Weisen und fragte ihn, ob er in die Zukunft sehen könne. Der Weise nickte, was den Mann sehr erstaunte. Wie genau die Vorhersagen denn wären, wollte er nun wissen. Der Weise nahm eine Sanduhr und sagte: „Dort oben der Sand, das ist die Zukunft und unten, ist die Vergangenheit.“ Der Mann belächelte diese simple Wahrheit, doch der Weise fuhr unbeirrt fort: „Dazwischen liegt der Moment. So ist es auch mit der Wahrsagerei.“ Der Mann fragte verwirrt: „Was meint Ihr damit?“ Der Weise erklärte ihm: „Wahrsagen bedeutet, zu bestimmen, welches Sandkorn wann durch das Glas rinnt. Je weiter oben oder unten es im Glas liegt, desto unbestimmter ist die Vorhersage. Je weiter es sich dagegen der Mitte nähert, umso genauer kann man sagen, wann das Ereignis eintritt. Manche Sandkörner bleiben sogar oben im Glas liegen und dann schüttelt man eben ein wenig das Glas, auch oft, um dem Zufall ein wenig nachzuhelfen. Im Sand der verronnen ist, kann auch nicht mehr sicher bestimmt werden, welches Sandkorn wann durchgelaufen ist, wohl aber schätzen, indem man herausfindet, in welcher Tiefe es liegt.“ Der Mann wirkte ernüchtert: „Ihr meint, Ihr könnt Ereignisse erst sicher vorhersagen, wenn sie passieren?“ Der Weise nickte freudestrahlend: „Genau.“ Nun machte sich Enttäuschung auf dem Gesicht des Mannes breit:“ Aber das könnte ja sogar ich und dabei hatte ich gehofft, etwas von Euch lernen zu können.“ Der Weise sah ihn begütigend an und fragte: „War Euch denn bewusst, dass Ihr dazu in der Lage seid?“ Der Mann antwortete: „Nein, zumindest habe ich es nicht als Wahrsagen empfunden.“ Nun lächelte der Weise: „Nun, somit seid Ihr doch ein Stück weiser geworden.“ Als der Mann gerade die Behausung des Eremiten verlassen wollte, sagte dieser noch: „Nehmt einen gut gemeinten Rat von mir mit auf den Weg: Viele gehen von mir und sind enttäuscht, weil sie nicht das bekommen haben, was sie erhofften. Doch bin ich kein Gemüseverkäufer am Markt. Ich bin ein Gärtner, der Samen verkauft. So wie ihr ein Bauer seid, der mit dem Samen reiche Frucht ernten kann, wenn er ihn in fruchtbaren Boden gibt. Lasst den Gedanken, den ich Euch gab reifen. Der Baum der Erkenntnis wächst in jedem von uns. Auch wenn die Früchte der anderen verlockender aussehen, so wissen wir doch nicht womit sie genährt wurden. Manch einer holte sich schon einen verdorbenen Magen an einer giftigen Frucht, die ihm mit Neid und Missgunst überreicht wurde. Ein Same dagegen ist unschuldig wie ein Kind und es liegt in unserer Hand Nutzen daraus zu ziehen, denn selbst Gift kann in kleinen Mengen heilsam sein.“ Der Mann drehte sich noch einmal um, bedachte den Weisen mit einem Abschiedsgruß und sagte: „So lebt den wohl weiser Mann und seid bedankt für die Lehren. Wiewohl Eure Abschiedsworte mehr Nutzen für mich in sich bergen als das, was ich für mein anfängliches Ansinnen erhielt.“ Damit verließ er den Weisen und machte sich auf den Heimweg. Wie der Alte versprochen hatte, begann sein Kopf bereits bei dem Spaziergang zu arbeiten und Gedanken rankten sich durch seinen Geist. Der Weise aber saß seinerseits sinnierend da und murmelte: „Nicht nur Euch ergeht es so, dass Ihr nicht erhaltet, was Ihr wollt, sondern das was Ihr braucht.“ Anschließend versank er in Meditation, um seinerseits Lehren aus dem gerade Erlebten zu ziehen. Denn dies war sein Lohn. Jeder der zu ihm kam, brachte neue Erkenntnisse mit sich. Mit jedem Besucher in seinem Haus, bekam er neue Einblicke in das Trachten, Fühlen und Denken der anderen Menschen, das ihm half, sich selbst zu reflektieren, zu reifen und weiser zu werden. Denn nichts und niemand ist zu gering, um nicht davon zu lernen.