Der Weise und der Fluss
Der weise Alte ging mit seinem Schüler eines schönen Morgens am Fluss spazieren. Auf einmal blieb der Alte stehen. Der Junge sah ihn erwartungsvoll an, da er eine Geschichte erwartete. Er wurde nicht enttäuscht. Vorsichtig setzten sich die beiden ins Gras und sahen über den Fluss. Man konnte das andere Ende nur erahnen, da der Strom sehr breit war. Der Alte deute mit seinem Finger zum anderen Ufer und sagte: „Siehst Du diesen Fluss mein Junge? Er ist wie das Leben. Ein ewiger Kreislauf. Und siehst Du das Boot dort mitten auf dem Fluss? Das könntest Du oder Ich sein. Wir sind alle nur Boote auf dem Fluss des Lebens. Egal wie stark wir rudern. Wir werden doch stetig zum Meer gespült.“ Der Weise seufzte auf und blickte wehmütig zum Boot, bevor er fortfuhr: „Der Mann dort auf dem Boot ahnt nichts davon, dass wir hier sind. Er ist auf seinem Boot wie in einer eigenen Welt. Er ahnt nicht was um ihn herum vorgeht und es interessiert ihn auch nicht. Er ist zu sehr damit beschäftigt, durch die Gefahren des Flusses zu kommen, als dass er sich die Zeit nehmen könnte, das Ufer zu betrachten. Doch, auch wenn er es versuchen würde, so könnte er doch nichts erkennen, weil das Ufer zu weit entfernt ist. So ist es auch mit uns Menschen. Wir versuchen über unsere kleine Welt hinauszublicken in die Unendlichkeit des anderen Ufers. Manchmal treibt uns der Fluss ein Stück Holz oder etwas Anderes vom Ufer zu und in uns erwacht die Sehnsucht nach diesem Ort, von dem wir kleine Stücke erhalten, aber das wir doch nur erahnen können. Wie viele Erkenntnisse der Mensch auch erhält, ständig wird er auf der Suche nach dem Ursprung sein. Er sucht nach allem und erhält nichts. Wenn er aber nach nichts suchen würde, hätte er vielleicht die Möglichkeit alles zu finden. Die Erkenntnis liegt hinter dem Nichts. Das Nichts ist nicht das Ende, sondern der Anfang. Wie kannst Du vom Universum erwarten, dass es Dir antwortet, wenn Du ihm nicht zuhörst und ständig selber redest? Mach Deinen Geist frei, hör auf zu denken. Denke an Nichts. Nur ein leeres Gefäß kann gefüllt werden. Öffne Deinen Geist dem Universum, höre ihm zu, dann wirst Du alles erfahren, was Du wissen willst.“ Dann schwieg der Alte und der Junge horchte angestrengt. Er war so bemüht etwas zu hören, dass er überhaupt nicht bemerkte, wie der Alte schmunzelte. Doch dann sah er es und begann zu schmollen. „Ihr macht Euch lustig über mich, Meister.“ Doch der Alte entgegnete ihm nur ruhig: „Weißt Du mein Junge, ich habe nur gelächelt, weil Du so angestrengt gelauscht hast, aber man kann das Universum nicht zum Reden zwingen. Genauso gut könntest Du den Wolken befehlen, von der Sonne wegzugehen. Alles kommt zu seiner Zeit.“ Ungeduldig fragte der Junge: „Aber woran erkenne ich, dass es soweit ist?“ Der Alte sagte nur: „Du wirst es wissen. Genauso wie Du weißt, dass Du hungrig oder müde bist. Wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist und Du bereit bist zuzuhören, dann wirst Du alles begreifen, was ich Dich gelehrt habe. Du wirst dann selbst zum Meister und einen Schüler haben, dem Du Dein Wissen weitergibst. Dann wird der Kreis von neuem beginnen. Dein Schüler wird auch vor dem Nichts stehen, so wie Du jetzt und auch ihm wird das Universum antworten, wenn er bereit ist zuzuhören. So ist das Leben, so und nicht anders und das ist gut so.“ Langsam erhob sich der Alte und der Junge half Ihm dabei. Dann streckte er sich nochmals und sagte: „Lass uns heimgehen, die Sonne geht bald unter und die Nächte sind doch noch ziemlich kühl.“ Und so gingen die Beiden den Weg, den sie gekommen waren, wieder zurück. Ein alter Mann und ein kleiner Junge. So verschieden wie zwei Menschen nur sein können und doch sind sie sich so ähnlich wie nur irgend möglich. Sie beide verbindet der Weg, auf dem sie gehen. Der Weg zur Erkenntnis der Welt. Vielleicht beschreitest auch Du Ihn einmal und möglicherweise begegnest Du auch den beiden. Wenn ja, grüße sie von mir und wünsche ihnen alles Gute. Das ist das Beste was Du ihnen tun kannst.