Das blinde Sehen
Kürzlich besuchte ich wieder meinen Freund, um gemeinsam mit ihm spazieren zu gehen. Als wir aus dem Haus traten, hob er den Kopf und meinte: „Der Himmel ist schön heute, nicht wahr?“ Ich hob ebenfalls den Kopf und sah nach oben. Der Himmel war grau und voller Wolken. Ich muss dazusagen, dass mein Freund blind ist und so fragte ich ihn, wie er das meinte. Er entgegnete, dass er die Wärme der Sonne im Gesicht spürt. Daraufhin sah ich genauer hin und merkte, dass tatsächlich in der Wolkendecke ein Loch war, durch das die Sonne genau auf uns herunter schien. Ich schwieg erst lächelnd und sagte dann nur: „Ja, der Himmel ist wunderschön.“ So machten wir uns auf den Weg und ich dachte bei mir, wie seltsam es doch manchmal ist, zwischen Richtig und Falsch, zwischen Wahrheit und Lüge oder zwischen Gut und Schlecht zu unterscheiden. Vielleicht hätte ich sagen können, dass es nur ein kleiner Sonnenstrahl war, der uns ins Gesicht leuchtete. Aber was hätte es genutzt, außer die Freude zu zerstören? Er fragte sogar so, als ob er wissen würde, wie der ganze Himmel in Wahrheit aussah und insgeheim froh war, es nicht zu sehen, sondern vielmehr das kleine Licht spüren zu können, das mir selbst zuerst gar nicht aufgefallen war. Gerade so, als würde er meine Gedanken erraten, sagte er: „Egal wie schwer die Wolken auch sind, dahinter scheint doch immer die Sonne.“ Ich sah ihn verdutzt an und lachte dann los. Er ließ sich davon anstecken und als wir uns wieder beruhigt hatten, dankte ich ihm, dass er mir das Licht gezeigt hatte. Er winkte jedoch ab und meinte, dass der Unfall ihm zwar die Fähigkeit zu sehen nahm aber nicht seine Vorstellungskraft. So reicht ihm seit damals ein kleiner Strahl, um sich an die Sonne zu erinnern. Er formulierte es schöner, indem er sagte, dass er das Licht im Herzen trägt und solange er die Glut nicht verlöschen lässt, genügt ihm ein Funke, um es immer wieder neu zu entfachen und sich an seinem Glanz zu erfreuen. Dieser Gedanke half ihm auch, nicht in Selbstmitleid zu versinken, sondern sich mit den Gegebenheiten zu arrangieren, denn die Sonne der Hoffnung ist ebenso da, auch wenn wir sie durch die schweren Wolken der Sorge gerade nicht sehen.