Der fliegende Teppichhändler

Der Teppichverkäufer Shik Sha’bah war ein gerissener Geschäftsmann und verkaufte billige Webstücke als teure Teppiche. Eines Tages kam nun Al’vahim das Schlitzohr zum Basar und betrachtete mit gespieltem Interesse die Auslagen. Sofort war Shik Sha’bah neben im und redete auf ihn ein, wie gut doch dieser oder jener Teppich geknüpft sei. Mehr noch, er pries sogar die Kunstfertigkeit der Weber, die ein solch filigranes Muster schufen, wie es selbst der Sultan nicht in seinem Palast hat… Dies hätte er sich besser verkneifen sollen, denn bei diesen Worten begannen die Augen von Al’vahim zu leuchten und er fragte unbedarft: „Kann er denn auch fliegen?“ Der Händler lachte laut auf: „Ob er fliegen kann? Oh, Du Sohn der Einfalt! Natürlich kann er das, genauso wie alle meine Teppiche.“, und bei sich dachte er, „Keiner meiner Teppiche kann fliegen, also habe ich nicht gelogen.“ Dies überzeugte Al’vahim und sie besiegelten den Handel. Am darauf folgenden Tag war eine große Parade zu Ehren des Sultans geplant, da dieser seinen 49. Geburtstag feierte, welcher - wie jeder weiß - das sieben mal siebte Jahr ist und somit das wichtigste Ereignis im Leben, da die Sieben eine heilige Glückszahl ist und alle Geburtstage, die ein vielfaches ihrer selbst sind, als Jubiläen gelten. So zum Beispiel das 4. Jahr (22), das 9. (33) usw. wobei jeder Abschnitt eine Besonderheit hat, wie zum Beispiel das 16. Jahr, welches als Jahr der Selbstüberschätzung gilt. Aber das nur am Rande. Jedenfalls feierten die Bewohner der Stadt ausgelassen die Herrschaft ihres gütigen Regenten. Al’vahim suchte sich einen Platz in der Nähe des Teppichhändlers - der natürlich in der ersten Reihe stehen musste - und als nun der Zug an ihnen vorbeikam, warf er sich zu Boden und pries den Sultan. Dann rief er, dass er ein magisches Geschenk habe und ihm einen fliegenden Teppich geben wolle. Der Händler wurde blass, sagte aber kein Wort. Sogleich trat ein Diener an den am Boden liegenden heran: „Der Sultan ist überaus erfreut und nimmt das Geschenk gerne an.“ Mit diesen Worten nahm er den Teppich und kletterte den Rücken des Elefanten hinauf, wo er den Teppich ausbreitete. Der Sultan setzte sich darauf und verkündete, dass er nun losfliegen werde. Nun wurde es Shik Sha’bah doch zuviel und er rief: „Vergebt mir Herr!“ Er warf sich jammernd zu Boden: „Vergebt mir! Dieser Sohn des Unglücks hat meine Worte missverstanden. Ich sagte ihm, dass dieser Teppich genauso fliegt, wie alle meine Teppiche, also überhaupt nicht. Er hat wohl in Trunkenheit der Freude angenommen, alle meine Teppiche würden fliegen.“ Der Sultan war sprachlos und sah auf die Beiden hinab: Al’vahim, welcher sich das Grinsen nicht verkneifen konnte und Shik Sha’bah der noch immer demütig am Boden kauerte. Da dämmerte ihm plötzlich, dass sich der Spaßvogel einen Scherz mit dem Händler gemacht hatte und lachte laut los. Als er sich wieder einigermaßen beruhigt und die Lachtränen aus den Augen gewischt hatte, verkündete er sein Urteil. An Al’vahim gewandt: „Du hast mich zwar in Dein gerissenes Schelmenstück einbezogen, doch hat es mich so sehr belustigt, dass ich darüber hinwegsehe. Was Dich betrifft“, sagte er zu Shik Sha’bah, „Dir wird das Recht genommen, einen Stand auf dem Basar zu belegen…“ Der Händler sah entsetzt zu seinem Herrscher auf, doch dieser fuhr ungerührt fort „…damit Du fortan als fliegender Teppichhändler auf dem ganzen Basar umherstreifen kannst, um Deine ‘garantiert nicht fliegenden Teppiche’ feil zu bieten.“ Damit war dem Recht genüge getan und die Parade zog unter lautem Jubel der Menschenmenge in den Palast ein. Unterdessen erhob sich Shik Sha’bah und hielt Ausschau nach Al’vahim, doch dieser war schon im Getümmel untergetaucht, um an einem anderen Ort seinen Schabernack zu treiben…