Multitasking: Illusionäre Gleichzeitigkeit
Es ist ja inzwischen schon sprichwörtlich: Multitasking funktioniert nicht. Als Menschen können wir uns nicht mehr als einer Aufgabe gleichzeitig bewusst widmen. Oder anders: Wir können es versuchen, doch die Ergebnisse bleiben hinter dem zurück, was wir erwarten und auch erzielen könnten, wenn wir uns nur fokussieren würden. Aber was ist Multitasking eigentlich? Und warum klappt es notorisch nicht damit?
Die Unfähigkeit zum Multitasking bedeutet natürlich nicht, dass wir nicht zwei Dinge gleichzeitig tun können. Selbstverständlich können Sie gleichzeitig ein Kaugummi kauen und lesen. Und Sie können auch Musik hören und gleichzeitig die Spülmaschine ausräumen. Sogar Musik hören, Kaugummi kauen und lesen ist möglich.
Doch schon wenn Sie versuchen, an einem Gespräch teilzunehmen und gleichzeitig Notizen darüber zu machen, wird es schwierig. Das erfordert mindestens einige Übung. Und unmöglich wird es, wenn Sie eine wichtige Geschäftsemail schreiben und versuchen, gleichzeitig ein wichtiges Telefonat zu führen. Dann ist es aus mit der Gleichzeitigkeit. Dann können Sie die einzelnen Tätigkeiten nur noch im Wechsel ausüben – auch wenn es Ihnen scheinen mag, als würden Sie alles gleichzeitig tun.
Lassen Sie es uns etwas formaler ausdrücken: Zu jedem Zeitpunkt können Sie sich nur einer Tätigkeit mit Bewusstsein widmen.
Etwas anderes schafft Ihr Gehirn einfach nicht. Echte Gleichzeitigkeit von Tätigkeiten gibt es ausschließlich dort, wo lediglich eine der vielen Tätigkeiten Bewusstheit erfordert.
Natürlich kann in einer solchen Situation die Aufmerksamkeit wechseln. Es mag Ihnen ein Musikstück während des kaugummikauenden Lesens auffallen. Dann horchen Sie hin, merken sich den Titel vielleicht. Anschließend kehren Sie wieder zurück zum Lesen.
Aufgefallen ist Ihnen das Musikstück aber nicht bewusst! Ihr Bewusstsein ist vielmehr einem Impuls aus dem Unterbewusstsein gefolgt und hat sich vom Buch auf das Musikstück umorientiert. Das ist der Job des Unterbewusstseins, Ihre Umwelt ständig zu bewerten, ob da etwas Relevantes passiert – und das ggf. dem Bewusstsein „zu melden".
Und nur so kann es auch funktionieren, wenn Sie „gleichzeitig" einen Geschäftsbrief schreiben und telefonieren wollen. Es geht eben nicht wirklich gleichzeitig, sondern nur zeitversetzt, sequenziell.
Soweit das Grundsätzliche. Aufmerksamkeit kann zu einem Zeitpunkt nur bei einer Tätigkeit sein. Wir denken, zumindest darüber stimmen Sie mit uns noch überein.
Jetzt zum Multitasking. Lesen und Kaugummi kauen wird nicht als Multitasking bezeichnet. Schreiben, danach telefonieren, dann wieder mal schreiben – das ist auch noch kein Multitasking. Nicht jeder Wechsel zwischen Aufmerksamkeit heischenden Tätigkeit qualifiziert sich als Multitasking. Nicht der Wechsel an sich ist entscheidend, sondern seine Frequenz. Erst wenn der Wechsel so schnell erfolgt, dass die Illusion von Gleichzeitigkeit entsteht, kommen Sie in den Multitasking-Modus.
Multitasking ist wie Film: Durch die Aneinanderreihung vieler kleiner Schnipsel soll eine Illusion erzeugt werden. Beim Film ist Bewegung die Illusion. Beim Multitasking ist es die Gleichzeitigkeit mehrerer Tätigkeiten.
Daran ist nichts auszusetzen – wenn Sie sich denn der Konsequenzen bewusst wären und es überhaupt funktionieren würde.
Quasi gleichzeitig, aber langsam
Eigentlich sollte es auf der Hand liegen, trotzdem ist es vielleicht nützlich darauf hinzuweisen: Durch Multitasking dauert alles länger. Auf wenn der Aufwand durch Multitasking nicht steigen sollte, verzögert Multitasking die Fertigstellung.
Aufgaben zu erledigen, dauert eine gewisse Zeit. Am schnellsten geht es, wenn Sie sich einer Aufgabe ohne Pause von Anfang bis Ende voll widmen. Dann können Sie Aufgaben zwar nur nacheinander erledigen, doch jede Aufgabe wird maximal schnell abgearbeitet.
Der Vorteil solch sequenzieller Erledigung: Jede Aufgabe ist frühestmöglich fertig – in der Reihenfolge der Abarbeitung; allemal die erste Aufgabe, die Sie angehen.
Beim (idealen) Multitasking ist es anders. Wie Sie in der folgenden Grafik sehen, dauert zwar keine Aufgabe länger; die Summe der Dauern der „Scheiben", in die sie durch den Aufmerksamkeitswechsel zerlegt wurden, ist gleich der Gesamtdauer wie bei sequenzieller Abarbeitung. Insofern ist die Zeit bis zur Erledigung aller Aufgaben nicht größer.
Doch wann die einzelnen Aufgaben abgeschlossen sind, ist ungewiss. Keine wird ja mehr schnellstmöglich abgearbeitet. Die Zeit von Arbeitsaufnahme bis -ende je Aufgabe ist größer; Sie arbeiten also langsamer in Bezug auf die einzelnen Aufgaben.
Dennoch kann es einen Vorteil durch Multitasking geben: Aufgaben werden früher begonnen. Das bedeutet, Sie können bei Unsicherheit früher Klarheit erlangen. Oder Sie können Wartezeiten, die bei der Abarbeitung entstehen, mit anderen Aufgaben füllen. Oder der Auftraggeber bekommt ein gutes Gefühl, weil Sie sich ihm schneller widmen.
Dieser letzte Punkt ist nicht zu unterschätzen. Denn wer würde einem Auftraggeber nicht lieber sagen „Ich habe schon mit der Aufgabe begonnen!" statt „Ich habe mir dir Aufgabe für in 3 Wochen eingeplant."? Schnelle Abarbeitung ist auch nur ein Wert von vielen, dem Sie dienen können. Ein anderer ist Zufriedenheit des Auftraggebers. Und wenn die womöglich mehr daran hängt, dass Sie schnell beginnen, selbst wenn dadurch nichts schneller wird, dann mag der Multitasking-Modus hilfreich sein.
Doch Vorsicht!
Geschäftig, aber verschwenderisch
Bis hierher haben wir ideales Multitasking beschrieben. Leider ist die Welt jedoch nicht so einfach. Ihr Gehirn kann so nicht arbeiten. Selbst ein Computer kann so nicht arbeiten.
Idealisiert ist die Darstellung nämlich, weil das Umschalten der Aufmerksamkeit anscheinend verlustfrei funktioniert. Nichts könnte jedoch ferner der Realität sein. Vielmehr sieht es so aus beim menschlichen Multitasking:
Beenden können Sie eine bewusste Tätigkeit meist sofort – gewollt, aber besonders ungewollt. Deshalb haben die Balken im Diagramm ein vertikales Ende. Beispiel: Sie konzentrieren sich, während Sie den Kassenbon vom Supermarkt kontrollieren, bilden eine Summe im Kopf – und dann fragt Sie der Kunde hinter Ihnen, ob Sie den Einkaufswagen weiterschieben können. Schon sind sie raus. Die ganze Arbeit der Summation umsonst. Sie müssen noch einmal von vorn beginnen.
Beginnen können Sie eine bewusste Tätigkeit hingegen meist nicht von jetzt auf gleich. Sie brauchen etwas Zeit, um sich einzudenken. Bevor Sie voll produktiv sind, vergeht etwas Zeit. Das ist auch und vor allem so, wenn Sie eine Tätigkeit nach einer Unterbrechung wieder aufnehmen. Waren Sie vor der Unterbrechung noch „im Flow", konzentriert, ganz in der Aufgabe, dann müssen Sie sich diesen Zustand nach der Unterbrechung erst wieder erarbeiten. Wie lange die Anlaufphasen sind, hängt von der Tätigkeit ab. 5 bis 15 Minuten sind aber durchaus normal.
Je mehr Kreativität eine Aufgabe braucht oder je mehr Sie dabei „im Kopf behalten müssen" (Konzentration), desto mehr Zeit brauchen Sie, um wieder hinein zu kommen, d.h. desto flacher die Steigung am Anfang des Tätigkeitsbalkens im Diagramm. Der schwarze Balken drückt es noch krasser aus: Während dieser Zeit sind Sie zwar äußerlich schon wieder bei einer Tätigkeit, doch einfach noch nicht voll bei der Sache. Ihre produktive Zeit in Zufriedenheit beginnt erst danach.
Diese realistischere Sicht auf Ihre Aufmerksamkeit führt nun zu einer sehr unschönen Verschiebung des Multitasking-Bildes:
Multitasking macht nicht nur nichts schneller, sondern sogar alles langsamer. Wenn Sie bei einer Aufgabe, die eigentlich 30 Minuten gedauert hätte, alle 8 Minuten für 2 Minuten unterbrochen werden, sind Sie nicht erst nach 30+3*2=36 Minuten fertig. Nein, es dauert bei einer Anlaufphase von durchschnittlich 3 Minuten sogar 30+3*(2+3)=45 Minuten. Die scheinbar kurzen Unterbrechungen haben zu einer 50%igen Verzögerung geführt.
Die Rechnung fällt umso schlechter für das Multitasking aus….
- …je kürzer die Wechsel im Verhältnis zu den Anlaufphasen sind und
- …je kürzer die Aufmersamkeitsspannen im Verhältnis zu den Anlaufphasen sind, d.h. je höher die Wechselfrequenz ist.
Im Multitasking-Modus können Sie also sehr beschäftigt sein – ohne etwas zu schaffen. Je häufiger Sie wechseln, desto weniger schaffen Sie pro Zeiteinheit – und desto erschöpfter sind Sie am Ende des Tages.
In der Informatik hat man einen Begriff dafür: Thrashing[1].Das bedeutet: Leeres Stroh wird gedroschen, wenn zum Beispiel immer wieder unterschiedliche Festplattenbereiche ein-/ausgelagert werden müssen, weil ein Programm beide braucht, aber nicht beide gleichzeitig im Hauptspeicher Platz haben. Dann passiert ganz viel, Bauteile erhitzen sich – aber es kommt unterm Strich wenig heraus.
Wenn Sie es bisher nicht geglaubt haben sollten, dann hoffentlich jetzt: Multitasking hört sich gut an, funktioniert aber nicht wirklich. Und das behaupten nicht nur wir [2, 3, 4]. Ein gewisser, unter Umständen möglicher Vorteil wird schnell aufgefressen durch viele sichere Nachteile.
Endnoten
[1] Computer Hope, Thrashing
[2] Dan Thurmon, The Myth of Multitasking
[3] Tina Groll, Alles gleichzeitig funktioniert nicht, Die Zeit
[3] Spiegel Online, Multitasking: Warum wir nur zwei Dinge gleichzeitig tun können