Vorwort

Zu den Memoiren von Franz Pöllinger

Die ersten Gläubigen des frühen 20. Jahrhunderts haben in einem ganz anderen Umfeld gelebt, als es den heutigen Bahá’í geläufig und selbstverständlich ist1. Sie waren nach ersten begeisternden Kontakten mit Lehrern des Glaubens im Aufbau von Gemeinden die meiste Zeit auf sich selbst gestellt. Ihre Motivation und Kraft nährte sich aus den Funken ihres Glaubens, aus noch wenigen übersetzten Schriften, aus Korrespondenzen mit ihren Lehrern und aus gelegentlichen Treffen von Mitgläubigen. Die wenigen verfügbaren Schriften wurden vorgelesen, auswendig gelernt, von Hand oder mit Schreibmaschine abgeschrieben und auf einfache Weise vervielfältigt, verbreitet und wie Schätze gehütet.

Führung und Ermutigung kam aus dem Zentrum des Glaubens im Heiligen Land in ’Akká, später aus Haifa. Anfangs durch den Sohn des Glaubensstifters, ’Abdu’l-Bahá, danach durch Shoghi Effendi, Seinen Enkel. Ihre Briefe vermittelten besondere Inspiration und Kraft und konnten weitergegeben werden, sobald die ersten Gläubigen gefunden waren. So war es auch bei Franz Pöllingers Rückkehr nach Wien 1919. Drei Jahre zuvor hatte er in Stuttgart, scheinbar zufällig, vom Bahá’í-Glauben gehört. Dank seines lebhaften Interesses und einiger begeisterter Lehrerinnen, fand er tieferen Zugang zu seiner neuen Religion. In der entmutigten, enttäuschten, von Misstrauen und Traditionen geprägten Nachkriegsgesellschaft konnte nur ein echter, reiner und vorbildlicher Mensch etwas bewirken, wenn er eine religiöse Botschaft verkündete. Der in einfachen Verhältnissen aufgewachsene, schwer sehbehinderte Franz Pöllinger, der immer Arbeit suchte und sehr bescheiden lebte, war so ein Mensch. Offenbar leicht fand er zu allen Kreisen der Gesellschaft Zugang. Er hatte die Grundsätze seiner Religion verinnerlicht, fand aufnahmebereite Menschen, ließ sie nachdenklich zurück oder “begeisterte“ sie. Seine Erinnerungen sind voller Episoden, die das eindrucksvoll zeigen - oft witzig, immer unterhaltend und “wienerisch“ im Ton. Die Erinnerungen von Herrn Pöllinger zeigen seine unerschütterliche Standhaftigkeit und seine unablässigen Bemühungen während seines jahrzehntelangen Wirkens zur Bildung einer gefestigten österreichischen Bahá’í-Gemeinde. Stete Besuche und längere Aufenthalte von Reiselehrerinnen und Reiselehrern begeisterten ihn immer wieder neu. Er nahm diese wertvolle Unterstützung durch starke, hingebungsvolle Seelen aus aller Welt dankbar an und trug sie voll mit.

Es gab aber auch eine Zeit dramatischer Rückschläge. In der Zeit vor dem zweiten Weltkrieg durch Restriktionen der österreichischen Regierung und im Anschluss durch den Terror der Zeit des deutschen Nationalsozialismus. Ohne Franz Pöllinger als Fels in der Brandung, stets unterstützt durch seine Frau Anna, hätte die durch Vertreibung und Ermordung ihrer jüdischen Mitglieder dramatisch dezimierte Bahá’í-Gemeinde kaum wiederbelebt werden können. Dieser Neuaufbau der Gemeinde wurde wieder durch Lehrreisende aus aller Welt, und schließlich in den 1950er-Jahren vor allem durch die Niederlassung von Bahá’i aus Persien, aber auch aus anderen Ländern, unterstützt. Höhepunkt dieser Entwicklung war 1959 die Bildung des Nationalen Geistigen Rates der Bahá’í in Österreich, in dem Franz Pöllinger dienen durfte. In seinem Leben als Bahá’í war sodann 1963 die Teilnahme als Delegierter zur Wahl des ersten Universalen Hauses der Gerechtigkeit in Haifa, zweifellos besondere Ehre und Auszeichnung.

Franz Pöllinger ist am 7. August 1895 in Klagenfurt geboren. Mit 84 Jahren, am 29. Oktober 1979, ist er ins Abhá-Königreich aufgestiegen. Sechs Jahre später folgte ihm seine geliebte Frau. Die Bahá’í-Gemeinde Österreich ist ihrem Stammvater und seiner Frau und tatkräftigen Stütze Anna, für ihrer beiden unbeirrbaren Liebe zur Sache Bahá’u’lláhs, zur „Heiligen Sache“, wie Franz Pöllinger sie gerne nannte, in tiefer Dankbarkeit verbunden. In den Worten des Universalen Hauses der Gerechtigkeit vom 30. Oktober 1979 “…eine lange Reihe seiner außerordentlichen Dienste und sein Beispiel der Standhaftigkeit auf dem Pfade des Glaubens werden ewig in den Annalen der österreichischen Bahá’í-Gemeinde glänzen…”

Der Titel dieses Buches “Franz Pöllinger auf mystischem Pfade” ist Alex Käfers umfassendem Werk über die Geschichte der österreichischen Bahá’í-Gemeinde entnommen, welches auch Inspiration für die Herausgabe dieser Erinnerungen war2. Noch gegen Ende des Lebens von Herrn Pöllinger hatte ich einen Traum: Ich trug seinen leichten Körper vor mir auf beiden Händen durch unsere damalige Wiener Wohnung, wo Herr und Frau Pöllinger wiederholt zu Firesides zugegen waren. Ich fühlte damals, damit Verantwortung zu übernehmen. Diese Zusammenstellung der von ihm erzählten Erinnerungen mag dafür ein Beitrag sein.

Guido Colard, Februar 2026


Wie es zur Aufzeichnung der Erinnerungen kam …

Herr Franz Pöllinger, der 84-jährige Stammvater der Bahá’í-Gemeinde in Österreich, befand sich im Sommer 1979 in einem Spital in Wien und fragte Kambiz Poostchi - anknüpfend an frühere Gespräche und Aufzeichnungen zur Geschichte der österreichischen Bahá’í-Gemeinde -, ob es dazu noch weitere Fragen gäbe. So kam es, dass drei Bahá’í, Kambiz und Badieh Poostchi sowie Heinz Hampel-Waffenthal, die Erinnerungen von Herrn Pöllinger auf Tonband aufnahmen. Frau Anna Pöllinger war auch dabei. Danach verschriftlichte Kambiz Poostchi das Gesprochene auf rd. 60 Seiten. Nach Durchsicht des Manuskripts stellte Kambiz noch ergänzende Fragen, was zusammen mit den Antworten 38 weitere Seiten3 ergab, zum Teil mit sich wiederholenden Inhalten. Ergänzungen daraus wurden an passenden Stellen in den Text eingearbeitet. Einige Passagen der Erzählung wurden im zeitlichen Zusammenhang anders zugeordnet. Frühere Aufzeichnungen, vermutlich aus 1975, wurden in geringem Umfang auch berücksichtigt. Die vorliegende Fassung der Erinnerungen wurde zur leichteren Lesbarkeit behutsam in Erzählform redigiert und mit Überschriften sowie Fußnoten und Ergänzungen versehen. Es ist erstaunlich, wie genau Franz Pöllingers Erinnerungen an Personen, Ereignisse und Zeiten waren. Die Einarbeitung anderer angemerkter Quellen, wie zum Beispiel die Briefe von Shoghi Effendi an Franz Pöllinger, belegen das.
Seine ganz jungen Jahre beschrieb Herr Pöllinger in der dritten Person, bis er sich schließlich als 20-Jähriger auf die Reise nach Deutschland begab und in der Ich-Form fortsetzte.
Viele Passagen aus diesen Aufzeichnungen bildeten eine wichtige Quelle des Buches von Alex A. Käfer, 2020, über die Geschichte der österreichischen Bahá’í-Gemeinde.4

Portrait von Franz Poellinger aus dem Jahre 1930
Abbildung 1. Portrait von Franz Pöllinger - ca. 1930

… wie es weitergehen könnte

Die in eigenen Worten erzählte Lebensgeschichte von Franz Pöllinger, ergänzt um Anmerkungen und Anlagen, umfasst 40 prägende Jahre der Entwicklung einer Bahá’í-Gemeinde von 1919 bis 1959, der Gründung des Nationalen Geistigen Rates der Bahá’í in Österreich. Sie stellt den jetzigen Stand des Wissens um die Entwicklung der Bahá’í-Religion in Mitteleuropa und Österreich bis 1959 dar. In Verbindung mit Käfer, 2020, könnte weitergeforscht werden, entweder um diese wertvolle Erzählung anzureichern, oder diese zum Ausgangspunkt für andere interesssante Themen zu nehmen, aktuelle oder historische. Beispiele wären das Auffinden der Waldhütte, in der unser Erzähler aufgewachsen ist, oder die Geschichte von Menschen, mit denen er in Verbindung war. Es ist bewusst ein unvollendetes Buch, an dem von Freunden weitergearbeitet werden könnte und sollte. Dafür ist grundsätzlich die jeweils letzte e-book Version zur Verfügung in Abstimmung mit den Herausgebern, die das Copyright dazu besitzten.

Fotos und Generative Kunst

Soweit vorhanden, wurden die Erinnerungen von Franz Pöllinger mit Fotografien ergänzt. Aus der Zeit seiner Kindheit existieren jedoch keine Bilddokumente. Um dennoch prägende Ereignisse dieser Lebensphase sichtbar zu machen, wurden diese mithilfe generativer Kunst visualisiert.

Die entsprechenden Bildmotive entstanden unter Einbeziehung von Kunstrichtungen, die zur jeweiligen Epoche der beschriebenen Ereignisse passen. Sie wurden von den Herausgebern mithilfe künstlicher Intelligenz gestaltet und dienen als interpretierende Annäherung an die erzählten Erinnerungen.

Titelseite und Deckblatt

Die Titelseite sowie das Deckblatt dieses Buches wurden von den Herausgebern mithilfe künstlicher Intelligenz gestaltet. Die Bildmotive folgen einer symbolisch-atmosphärischen Bildsprache und visualisieren Franz Pöllinger auf einem mystischen Pfad als Sinnbild seines inneren und geistigen Weges.

Die Gestaltung zielt nicht auf eine dokumentarische Abbildung, sondern auf eine künstlerische Interpretation, die Stimmung, Bewegung und Bedeutung in den Vordergrund stellt und als stiller Begleiter der Erinnerungen wirkt.

Fussnoten und Anmerkungen am Ende der Kapitel

Vollständigkeitshalber sei hier angemerkt, dass sich Fussnoten samt Erläuterungen am Ende des jeweiligen Kapitels befinden. Anmerkungen der Herausgeber im Text werden in eckige Klammern ‘[]’ eingeschlossen und Ergänzungen - auch jene von Franz Pöllinger selbst - sind als solche in einem eigenen Absatz gekennzeichnet.

Die Herausgegeber im Februar 2026



  1. Zur Situation der ersten Gläubigen in den USA vergleiche Vorwort von Howard Garey viif, zu Goodall Helen S, Daily lessons received at ’Akká, January 1908, BAHÁ’Í PUBLISHING TRUST Wilmette, Illinois 60091, revised Edition, 1979: “Before there were Bahá’í books, pamphlets, periodicals … there were Bahá’ís in America. On what spiritual food did they subsist?”↩︎

  2. Zum Titel, siehe Käfer, Alex A.: Die Geschichte der österreichischen Bahá’í-Gemeinde, 2. Auflage, Jenbach: Esslemont Verlag, 2020, S. 55, © 2020 Nationaler Geistiger Rat der Bahá’í in Österreich.↩︎

  3. Die originalen Fassungen in Schreibmaschine befinden sich im Nationalen Archiv im Zentrum der österreichischen Bahá’í-Gemeinde in 1140 Wien, Maroltingergasse 2.↩︎

  4. Siehe Käfer 2020, S.55: „Franz Pöllinger, geboren 1895 in Klagenfurt, wuchs in einfachsten Verhältnissen auf. Sein Vater war früh verstorben, seine Mutter musste in die Stadt ziehen, weil sie nur dort Arbeit fand und so verbrachte „der kleine Franz“ seine Kindheit bei seinen Großeltern und einem Großonkel, einem Jäger und Holzarbeiter, in einer Blockhütte in Waldeinsamkeit in der Turracher Gegend.“
    Aus dem 2022 im Nationalen Archiv aufgefundenen “Moralitätszeugnis“ (Leumundszeugnis) von Franz Pöllinger, ausgestellt am 11. Dezember 1912 vom Bürgermeister der Stadt Donawitz, Bezirk Leoben, steht das genaue Geburtsdatum, 7. August 1895 in Klagenfurt, mit Heimatberechtigung in der Gemeinde Glödnitz, Bezirk St. Veit. Das Glödnitztal ist ein Seitental des Gurktals in Kärnten.
    2025 wurde im Geburts- und Taufbuch der klagenfurter Pfarrkirche St. Egid unter 1895, August 7., die Eintragung von Geburt und Taufe von Franz Pöllinger gefunden. Eine digitale Version ist bei Matricula Online verfügbar unter: https://data.matricula-online.eu/de/oesterreich/gurk/klagenfurt-st-egid/K15_025-1/?pg=324↩︎