Auf der Suche

Auf der Alm, die frühe Kindheit Franz Pöllingers

“Franzele”5, so hieß der kleine Knabe, der in jener Waldeinsamkeit in einem anmutigen Tale, seine ersten sieben Lebensjahre verbracht hatte. Auf einer schiefen, kleinen Wiese standen drei kleine Blockhütten. Die eine, die Wohnhütte, die war auf der einen Seite in den Abhang hinein gebaut, oberhalb führte der Waldweg vorbei, unterhalb war ein kleiner Garten, und nach einer Abzäunung ein ziemlich jäher Abgrund. An der Vorderseite der Hütte stand neben dem Garten eine hohe, alte Föhre. Vis á vis vom Eingang der Hütte war der Ziegenstall, dann eine weitere kleine Blockhütte; dazwischen felsiger Boden, dann die Wiese und unten am Bach eine alte Mühle, die noch in Betrieb war, und unter dem Mühlrad ein Teich, in dem sich in dem klaren, reinen Wasser die Forellen herumtummelten. Über den Bach führte ein Steg, hinüber auf die andere Seite, denn der Bach floss links am Walde hinunter und bildete kurz darauf einen tosenden Wasserfall. Links und rechts waren teils bewaldete, teils mit Mischwald bewachsene, hoch aufsteigende Berghänge.

Stable Diffustion Imagining die Waldeinsamkeit von Poellingers Kindheit im Stile von Claude Monet
Abbildung 2. Generative Darstellung der Waldeinsamkeit

Die Wohnhütte

Wollte man in die Wohnhütte eintreten, stand man vor einer niederen Eingangstür, so dass sich ein erwachsener Mensch beim Eintreten bücken musste. Dahinter war nur ein Raum. Auf der linken Seite war ein Herd - ein offener Herd mit einem rußgeschwärzten Rauchfang, ein rußiger Holztrichter, der den Rauch von diesem offenen Herd aufnahm. Die Unterseite bestand aus dicken Brettern, so, dass auch Luft hereinkam. Auf der rechten Seite stand eine große Truhe, wo Proviant untergebracht war, und dann war da eine Leiter, mit der man auf den Dachboden steigen konnte. Daneben war ein großes Ofenloch, denn der Innenraum wurde ja von außen geheizt. Na, und dann waren daneben noch irgendwelche Stellagen für allerhand Geschirr u.s.w.
Im Innenraum waren drei kleine Fenster. Wenn man in den Raum trat, hatte man zunächst den großen, mit Lehm verschmierten Kachelofen, eine Ofenbank um den Ofen herum, dann ein Bett, über dem ein Gewehr hing, denn der Großonkel und Großvater waren ja Jäger und auch in der Holzarbeit. In diesem Bett schlief der Großonkel. Dann war auf der ersten Fensterseite die eine breite Bank, auf der der Großvater seinen Strohsack nachts auflegte und schlief. An der anderen Seite war wieder eine Bank und zwischen den beiden Eckbänken der große Tisch und ein paar Stuhle herum. Dann war wieder eine große Truhe auf der anderen Seite, in der die Großeltern ihre Habseligkeiten verstaut hatten. An der gegenüber liegenden Seite neben der Tür war eine große Truhe, die der Großvater mit allerlei Blumen, Rosen u.s.w., bemalt hatte, denn er war ja im Jahre 1866 als Österreicher im Krieg gegen Italien und hat dort auch zu malen gelernt.

Stable Diffustion Imagining die Wohhütte von Poellingers Kindheit im Stile von Oskar Kokoschka
Abbildung 3. Generative Darstellung einer Wohnhütte in den Bergen

Die Familie

Der Großvater war sehr begabt, zwar Analphabet, aber das hinderte ihn nicht, auch Grabschriften nach Schablonen zu machen oder Marterln. Draußen hatte er sogar, wenn man von der Hütte auf den felsigen Boden heraustrat, rechts und links vom Eingang des Ziegenstalles zwei dicke Bretter mit etwa anderthalb Meter Länge und etwa 60 Zentimeter Breite angenagelt. Die hatte er so ausgeschnitten, dass sie die Gestalt, die Umrisse, einer menschlichen Gestalt annahmen. Diese Bretter hatte er bemalt mit hellen, glänzenden Farben. Und zwar waren das zwei Gestalten, zwei Heilige mit Heiligenschein und wallendem Mantel. Das Weitere hatte sein Pinsel gemacht, mit den schönen Farben. Das war, wenn man aus der Hütte trat, als ob man eine Waldandacht betreten würde und zwei Heilige vor sich hatte. Es war um die Jahrhundertwende, und hätte man damals schon gewusst, dass zwei göttliche Manifestationen auf Erden waren, so könnte man denken, dass er davon inspiriert war. Im Innenraum schlief, wie gesagt, der Großonkel auf dem Bett, seinem Bett, der Großvater auf seiner Bank mit dem Strohsack drauf. Die Großmutter und ich, wir schliefen auf dem Fußboden auf einem hohen Strohsack, das waren unsere Schlafgelegenheiten. Der Franzele, der kleine Bub, hatte seinen Vater eigentlich nie gekannt, er hatte ihn verloren, schon als er ein Kind war. Die Mutter musste dadurch in die Stadt und arbeitete, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Sie kam nur manchmal, sehr selten, um ihren kleinen Jungen zu sehen. Sowohl die Großeltern, der Großonkel als auch die Mutter, waren alle Analphabeten, wie es bei Landleuten um die Jahrhundertwende, 1900, ja nichts Besonderes war. Im Sommer schliefen die Großmutter und ich auf dem Heuboden. Da konnte man über die kleine Leiter hinaufsteigen und war dann oben. Im Sommer war ja kein Heu auf dem Heuboden, dem Dachboden über der Wohnstube. Es war ziemlich groß und bequem zum Schlafen.

Andachtsstimmung

Stable Diffustion Imagining die Andachtsstimmung im Stile von El Greco
Abbildung 4. Generative Darstellung der Andachtsstimmung

Da hat der kleine Franzele, als er einmal erwachte, gesehen, wie an einem prachtvollen Sommermorgen die Sonne durch die Spalten der verwitterten Bretter des Giebelfeldes auf ihn hereinstrahlte, gleich goldenen Stäben. Das hat in ihm ein Gefühl geweckt, wie er es später als Gebetszustand kennenlernte. Eine ähnliche Andachtsstimmung hatte er auch empfunden, als er mit seiner Großmutter eines Tages über die Höhen wanderte, um zu einem Onkel jenseits der Berge zu kommen. Das war eine lange Wanderung, es ging an einem Wallfahrtsort vorbei, dann an einer kleinen Kapelle. Es war eine wirklich anmutige Gegend, der Bach spielte und bildete dort einen kleinen Teich, in dem sich die Sonne und die Kirche widerspiegelte und alles, was um das Wasser herum an Bäumen und Blumen war. Und da hatte er wieder diesen Eindruck, einen Eindruck der Andacht, den er nie wieder vergessen konnte.

Augenlicht

Stable Diffustion Imagining die Verwechslung der weißen Katze mit der Grossmutter im Stile Vincent van Gogh
Abbildung 5. Generative Darstellung der Verwechslung der Großmutter

Dann, als er wieder zu Hause war - in seinem anmutigen Tal zwischen den Bergen - suchte er eines Tages seine Großmutter und glaubte, sie unter einem Baum sitzen zu sehen, der etwa hundert Meter von ihm entfernt war. Er sah dort etwas Weißes, hat gerufen, aber keine Antwort bekommen. Da lief er hin, glaubte zur Großmutter zu kommen – da lief die Katze davon! Er hatte also die Katze für seine Großmutter gehalten. Das heißt, damals bemerkte er zum ersten Mal, dass er schlechte Augen hatte und das ist ihm in Erinnerung geblieben.

Zur Mutter in die Stadt, in die Schule

Langsam kam die Zeit heran, wo seine Mutter sich wieder verheiratete und er zur Schule gehen sollte. Nachdem sie in einer Stadt wohnte, hatte sie ihn geholt. Der Abschied war furchtbar schwierig für ihn, er konnte sich von seiner Großmutter nicht trennen. Sie musste sich verstecken. Aber auf der ganzen Reise, die ja einen halben Tag dauerte, war er immer voll Tränen und weinte und weinte, aber es blieb keine andere Möglichkeit. Und es dauerte lange, bis er sich an die neue Umgebung gewöhnt hatte.
Nun kam auch der Tag, an dem er ja zur Schule gehen sollte, wie es das Gesetz vorschrieb. Und da merkte er wieder, dass seine Augen nicht sehr gut waren. So machte er die sieben Jahre seiner Volksschulzeit, mit Ach und Krach beherrschte er die Gegenstände. Natürlich war alles, was mit Augen zusammenhing, eine große Schwierigkeit.

Suche nach geeigneter Arbeit, ab 1909

Es kam die Zeit heran, wo er eben irgendwas arbeiten sollte, also in eine Lehre gehen oder so, und weil da ein Hüttenwerk6 war, wurde er in das Hüttenwerk aufgenommen. Natürlich wurde er vorher untersucht. Die Ärzte fanden, seine Augen wären eigentlich nicht so schlecht und er könne diese Arbeiten dort machen. Na, und so setzte man ihn an eine Drahtwalze, wo der glühende Draht herauskam, eine etwa zwanzig Meter lange, glühende Schlange. Er hatte die Aufgabe, mit einer großen Zange das Ende der Schlange zu halten und diesen Schopf mit einer Schere abzuschneiden. Das traf er nicht richtig, so verlegte man ihn an eine andere Strecke, wo der dünnere Draht war, den er mit einem langen Haken schlingen musste. Auch das traf er nicht sehr gut, aber so mit Ach und Krach ging es, er verbrannte sich aber oft. Und da musste er zwölf Stunden Tagarbeit machen und zwölf Stunden Nachtarbeit, natürlich eine Woche am Tag und eine Woche in der Nacht. Es war so, dass er dann schon sehr übel aussah und seine Eltern meinten, so könne es nicht weitergehen und sie müssten ihn herausholen.
Also wurde er jugendlicher Hilfsarbeiter im Baugewerbe. Er hat gegraben, Nägel gradgeklopft, in einer Schmiede mit dem Schmiedehammer gearbeitet, Ziegel getragen und was halt so an einer Baustelle gearbeitet wird. Natürlich ist es auch dabei nicht geblieben und er wurde Grubenjunge, also im Bergwerk. Da arbeitete er teils außen, teils fuhr er mit den Technikern in die Grube ein und hielt ihnen die Messlatte, die sie bei ihren Vermessungen in 600 Meter Tiefe brauchten. Aber auch das war nicht von Dauer.
Dazwischen ging er nach Klagenfurt und wollte dort wieder seine Augen heilen lassen, in einer Augenklinik. Dort war er dann einige Monate; aber man konnte ihm natürlich nicht helfen.
Als er zurückkam, wollte er Maler werden. Ein Malermeister nahm ihn in die Lehre7. So leidlich lernte er wohl Malen und Anstreichen, aber er brachte es zu keiner hohen Vollendung - weil ihn immer die Augen hinderten. Er konnte ein Zimmer ausmalen, allein. Er hatte den ganzen Aufbau gelernt und konnte auch Möbel anstreichen, lackieren, lasieren. Das konnte er alles, aber natürlich nur so, wie es halt jemand mit schlechten Augen macht. Das gefiel ihm dann auch nicht. Er dachte eben, wenn er sich nicht weiterbringen könne als Schriftenmaler, wenn er nicht visualisieren, und irgendwann etwas zeichnen und malen könne, dann sei das auch kein Weg. Da machte ihm jemand den Vorschlag, er soll es, wegen seiner entsprechenden Neigungen, doch als Diener versuchen, also als Lakai. Das versuchte er dann auch, fuhr wieder nach Klagenfurt und nahm dort zunächst irgendeine Arbeit an. So war er Feuerbursche in einem Kaffeehaus, wo er Tassen und Gläser waschen musste, um vier Uhr morgens die Räume auskehren u.s.w. Das hatte er ja schon vorher alles auch irgendwie gekonnt. Er hatte doch zuvor in der Stadt, in der er lebte - weil er sich so sehr für’s Theater interessierte - sogar auch schon im Theater gewohnt. Damals saß er bei jedem Theaterstück hinter der Bühne, erlebte die Stücke mit und machte Notizen, wenn ihm was gefallen hatte8. Aber so konnte er natürlich schon ein bissel umgehen mit dem Reinigen von Fußböden, dem Abstauben von Möbeln u.s.w.

In einem Schloss in Niederösterreich wird ein Diener gesucht

Schloss Fünfkirchen bei Drasenhofen im nördlichen Weinviertel an der Grenze zu Tschechien um 1925, Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Schloss_F%C3%BCnfkirchen 24.04.2025
Abbildung 6. Schloss Fünfkirchen bei Drasenhofen im nördlichen Weinviertel an der Grenze zu Tschechien um 1925, Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Schloss_F%C3%BCnfkirchen 24.04.2025

Nun, er suchte dann wieder nach einer Stelle9. Eines Tages kam er wieder zur Vermittlung und fragte, ob was da sei. Man sagte ja, da ist ein Herr Graf, der ihn für sein Schloss brauchen könnte, in der Provinz, in Niederösterreich. Na, und der Graf nahm ihn tatsächlich auf. Er bekam Reisegeld, fuhr davor noch nach Haus’, um sich von seinen Eltern zu verabschieden. Er fuhr dann dorthin, kam spät in der Nacht an und der Kutscher holte ihn mit einem Herrschaftswagen mit zwei Pferden ab. Das war schon ein großes Erlebnis: Man fuhr fünf Kilometer weit, dann hinein durch das große Parktor und durch den Park zum Schloss. Der Zimmerwärter empfing ihn, wies ihm sein Zimmer an und sagte: “Das ist Ihr Zimmer!“ Er stellte ihm einen Spirituskocher hin, etwas Butterbrot, Zucker, Tee, und sagte, dass er sich das Frühstück selber bereiten müsse, weil ja niemand im Haus war. Er sei ganz allein im Schloss, er selbst wohne nicht hier, hat sich verabschiedet und ist heimgegangen. So war er ganz allein im Schloss, ein Geisterschloss, dachte er sich. Er hatte so viel von Schlössern gehört, von alten Schlössern, wo es geisterte - aber es kam kein Geist. Er legte sich eben so mit der Ermüdung, die ihm die Reise auferlegte, schlafen. Am anderen Morgen kam dann der Zimmerwärter wieder. Da ging der Dienst an, wir hatten die Zimmer zu richten, die Parkettböden zu polieren und die Fenster zu putzen. Das war einen ganzen Monat so. Bis dann die Herrschaften kamen - da begann der Betrieb von Neuem. Das ging so fort, etwa zwei Jahre. Schließlich drängte es ihn, sich auch in Wien die Augen untersuchen zu lassen. So fuhr er in die Poliklinik nach Wien. Man untersuchte ihn, aber auch nicht mit großem Erfolg. Nachdem die Augenuntersuchung in Wien nicht sehr befriedigend verlief, träumte er davon, sich wo anders auch wieder untersuchen zu lassen, vielleicht in einem anderen Land.

1914, der Krieg bricht aus. München

Inzwischen brach auch der Krieg aus, der Weltkrieg, es war im Jahre 1914. Da dachte er, vielleicht könnte er doch nach Deutschland. Er war auch zur Musterung geladen worden, mit anderen Burschen vom Ort, aber er war untauglich, seine Augen waren zu schlecht. Er wollte jetzt zuerst nach München, vielleicht dass er dort mehr Erfolg mit seinen Augen haben werde.
Nun - gesagt, getan! Er sagte dem Grafen, dass er sich verändern möchte und zwar wolle er nach Deutschland. Der Graf sagte: “Ja, was willst du in Deutschland anfangen? Du bist in einer fremden Stadt, bist hilflos, kein Mensch wird dir helfen, kein Mensch kennt dich! Sei doch vernünftig, wenn du da bleibst, da geht’s dir doch gut, du hast da alles was du brauchst!” Doch er sagte: „Nein, Herr Graf, ich möchte fort!“

„Er“, als junger Pöllinger, wechselt jetzt zum „Ich“ in der Erzählung …

Und ich saß dann schon am Wagen zur Abreise mit meinem Gepäck, da hat der Graf noch einmal gesagt: „Na willst du wirklich fort, willst du wirklich fort?“ Ich sagte: „Ja, ja, Herr Graf!“ Und so ging es weiter. Nach einer sehr langen Reise war ich in München angelangt. Vorher aber, musste ich noch nach Hause fahren, weil die Mutter sehr krank war und letztlich auch starb. Ich war schon in Deutschland, als sie dann gestorben war, und konnte leider nicht zum Begräbnis fahren. In München angekommen - ich hatte mich zunächst mit dem wenigen Geld, das ich besaß, ein bissl durchgebracht - fand ich eine Stellung als Pensionsdiener. Ich sollte für eine Fremdenpension am Bahnhof Reisende animieren, dass sie mit mir zur Pension kommen. Dazu habe ich mich aber gar nicht geeignet, denn ich war keiner, der die Leute überreden kann.

Stable Diffustion Imagining die Cognac Fabrik in München im Stile von Paul Cézanne
Abbildung 7. Generative Darstellung der Cognak Fabrik in München im Jahr 1914

Schließlich fand ich einen Posten als Maler in einer Kognakfabrik, wo ich Fässer bemalen musste und auch Kognakflaschen austragen. So fuhr ich mit dem Rad in ganz München herum und hab’ dabei gesehen, dass ich auch Radfahren konnte. So arbeitete ich in München zuerst eine Zeit lang als Maler und Anstreicher. Aber nachdem ich diesen Beruf ja nie ausgelernt hatte, konnte ich daher auch kein erstklassiger Arbeiter sein. Ich hab’ weiter Stellen gesucht und wollte wieder in ein Adelshaus.

Kgl. Bayerische Gesandtschaft in Stuttgart, November 1915 bis August 1916

Der Vermittler, ein pensionierter Lakai des Königs, suchte für mich und sagte, dass ich ihn jeden Tag anrufen müsste und, wenn er was hat, so werd’ ich’s erfahren. Eines Tages rief ich wieder an und er sagte: „Ja, es ist ein Telegramm für Sie da, vom Grafen Moy de Sons10, vom bayerischen Gesandten in Stuttgart,“ Dieser hatte telegrafiert: „Aufnehme Herrn Pöllinger, erwarte ihn sofort!“ So packte ich natürlich meine Sachen und fuhr nach Stuttgart.
Ich war wieder in einem schönen Haus mit einem prunkvollen, überglasten Stiegenaufgang. Dieses Gebäude stand auf einer Anhöhe. Der Kammerdiener empfing mich, wies mir ein Zimmer an und die Köchin brachte mir viel Essen. Es war in der Zeit, in der das Essen eigentlich ein Mangel war. Dann kam der Kammerdiener: „ Ja, jetzt möchte Sie der Herr Graf sprechen!“ Als ich raufkam, fand er gleich heraus, dass ich etwas schlecht sehe. Er sagte: „Ich werde Dich zu meinem Augenarzt schicken.“ Das war damals einer der berühmtesten deutschen Augenärzte, ein Professor. Das war mir sehr willkommen!
Als mich der Professor untersuchte, fand er, dass mir eigentlich nicht zu helfen sei. Er sagte, es wäre eine Gefäßentzündung sowie eine Netz- und Regenbogenhautentzündung, die ich scheinbar irgendwie schon in der Kindheit bekommen hatte. Jedenfalls habe sich die Krankheit einmal ausgetobt und ich bekam dadurch Sehstörungen. Ich sagte: „Aber der Herr Graf wünscht, dass ich eine Brille trage.“ Da sagte er: „ Na ja, Sie können ja eine grüne Brille tragen, die das Auge schont, aber besser sehen werden Sie dadurch nicht.“ Und so schaffte ich mir eine Fensterglasbrille an, wie der Graf es wünschte. Wie gesagt, sah ich dadurch nicht besser und lesen konnte ich ja auch nicht viel! Später fand ich das Glas einer Taschenlampe, eine Seite war flach, die andere Seite eine Halbkugel. Weil es auf einer Seite flach war, klebte ich es mit Feuchtigkeit an meine Fensterglasbrille. Mit meiner Entdeckung konnte ich besser lesen und das war ein kleiner Trost für mich! Mit einer späteren Verbesserung las ich sogar vierzig Jahre lang, wenn auch nur mit einem Auge.
In der Gesandtschaft waren Gäste. Eines Tages kam die Nichte der Hausfrau, das war eine Prinzessin mit ihrer Mutter. Sie waren ins Theater gegangen und als sie heimkamen, läuteten sie unten. Ich stürmte hinunter, um die Tür zu öffnen und hab mir den Fuß verstaucht. Natürlich ließ ich mir nichts anmerken, als ich heraufkam. Leider konnte ich dann nicht mehr gehen. Am nächsten Tag kam der Masseur [August] Bauer, der den Grafen gegen den Ischias-Schmerz massierte. Er behandelte mit allerhand Ölen, allerhand Geistern, ”Geuschtern“, wie er als Schwabe seine Medikamente nannte.

Der Graf schickte ihn herunter und sagte, er soll auch mich massieren. Der massierte meinen Fuß, dabei plauderte ich mit ihm und sah, dass er ein sehr netter Mensch ist. Er sagte: „ Ich merke, dass Sie sehr schlecht sehen, kommen Sie mal zu mir, ich werde versuchen, Ihren Kopf hinten zu massieren, vielleicht hilft das.“ Es half leider nichts, aber wir wurden Freunde. Ein Jahr lang machten wir in meiner freien Zeit immer Ausflüge, in die schöne, historisch interessante Umgebung von Stuttgart. Und nachdem er ein Freund der Literatur war, und ich auch, plauderten wir immer sehr gerne über die deutschen Dichter.

Besuch bei einer Bahá’í-Familie in Stuttgart, 23. Mai 1916

Eines Tages ging ich dann, es war an einem Sonntag, am Schlossplatz spazieren, da fiel mir mein Freund [August] Bauer11 ein. Ich dachte mir, ich könnt’ ihn besuchen. Da marschierten Soldaten vorbei, es war ja Krieg, und sangen “Deutschland, Deutschland über alles”. Ich dachte mir, wozu „Deutschland, Deutschland über alles“, warum nicht „Wahrheit, Wahrheit über alles?“, das wär’ doch noch schöner!

Portrait von Fr. Lydia Bauer, die erste Bahá’í, die Herr Pöllinger traf. Quelle: Bahá’í-Verlag Deutschland, Ausschnitt aus Gruppenfoto 1913
Abbildung 8. Portrait von Fr. Lydia Bauer, die erste Bahá’í, die Herr Pöllinger traf. Quelle: Bahá’í-Verlag Deutschland, Ausschnitt aus Gruppenfoto 1913

Ich kam’ also hin zu meinem Freund. Die Frau Bauer12 öffnete mir und fragte: „Wie geht’s Ihnen?“ Sagte ich13: „ Ja, es gibt nur einen Trost - die Arbeit und einen Genuss - das Schöne; und eine Pflicht, die man erfüllen muss. Aber, was über alles geht, ist die Wahrheit. Ich hatte nämlich vorher auch „Knigge“14 gelesen, und von ihm verschiedene, sehr schöne Stellen wie z.B. “Der Neid ist die Wurzel allen Übels” und schöne Sachen auch über die Wahrheit erfahren. Sagte sie: „Also, wenn Sie ein Freund der Wahrheit sind, müssen Sie auch wissen, dass Christus gesagt hat: “Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, und er ist wiedergekommen in ’Akká, im Heiligen Land. Vierzig Jahre war er für die Wahrheit in Verbannung, im Gefängnis und in Gefangenschaft.” Sagte ich: „Ja, wenn das so ist, da möchte ich gerne mehr von Ihm hören, hat er etwas geschrieben?“ Sie bejahte es und gab mir ein kleines Schriftchen, das waren nur ein paar Blätter, das nahm ich natürlich freudig entgegen. Sie lud mich gleich für heute Nachmittag ein, für ein Fest. Leider war ich schon vergeben und konnte dadurch nicht kommen. „Schade“ sagte sie. Das war nämlich der 23. Mai 1916, der Tag der Erklärung des Báb und der Geburtstag ‘Abdu’l-Bahás, den sie feierten. Das bekam ich aber nicht mit. Aber daheim las ich natürlich das Schriftchen und die Worte von Bahá’u’lláh. Die “Worte der Weisheit” beeindruckten mich tief. Mein Gott, dacht’ ich mir, wie weit kann ich da meine Lunge der Luft öffnen! Es kam mir vor, wie wenn sich meine Lungen mit ätherischer Luft füllten. Ich war ganz elektrisiert von der Schönheit dieser Worte. Und so empfing ich die Bahá’í-Lehre, das war mein Antritt.

Stable Diffustion Imagining den Besuch bei einer Bahai Famile in Stuttgart im Dadaistischem Stile von Tristan Tzara
Abbildung 9. Generative Darstellung des Besuches bei einer Bahá’í-Familie in Stuttgart

Zurück nach München, 1917

Der Krieg ging weiter. Dem Grafen sah ich doch zu schlecht. Denn, wenn ich auf der Straße ging, erkannte ich ihn nicht und das passte ihm nicht. Als der Österreichisch-Ungarische Gesandte in Württemberg starb, nahm der Graf dann den Diener dieses Österreichisch-Ungarischen Gesandten, und entließ mich15. Er gab mir aber Geld und sagte, dass er für mich eine Stelle in der österreichischen Gesandtschaft hätte. Ich sagte: „ Nein, ich gehe wieder nach München zurück.“

Also bin ich nach München zurück und dort unternahm ich einmal allerhand.

Da war ich zunächst bei einem Epileptiker, Baron [Freiherr] de Weerth, der ein Schloss in Niederaichbach hatte. Da musst’ ich in einer Pension mit ihm wohnen, das heißt in einem Nebenzimmer. Die Tür war immer offen und wenn er einen Anfall hatte, konnte ich ihm helfen. Und dann auch beim Reisen und in dem Schloss, das er dann verkaufte. Das behagte mir aber auch nicht. Ich arbeitete dann eine zeitlang in einem Hause, das ganz reichen Leuten gehörte, Brauereibesitzern. Dann habe ich eine Aushilfsstelle bei einer Herzogin gehabt und nahm schließlich eine Stelle bei einem berühmten Landschaftsmaler16 an. Er war auch ein Adeliger, der in München ein kleines Schlösschen hatte, eine wunderbar gebaute Luxusvilla. Er fuhr dann mit seiner Frau, sie war eine Wienerin, nach Bad Kissingen, um dort Kur zu machen. Mich veranlasste man, mit dem Papagei und dem Pudel zu dem Schloss Buchhof [am Starnberger See] zu fahren und dort alles vorzubereiten, wenn sie dorthin kommen. Das Schloss Buchhof, ein Besitz von diesen Herrschaften [Guido Ritter von Maffei], war etwas weiter weg vom See, ganz prachtvoll und wunderbar gelegen. Dort war ich einen Monat wieder allein und lag am Strande des Starnberger Sees. Und da habe ich Bahá’í-Schriften kommen lassen. Das “Evangelium der Liebe und des Friedens für unsere Zeit“, so nannte man damals die erste deutsche Ausgabe der Ansprachen in Paris, dann die “Frohen Botschaften” mit dem Tablet “Tarázát”, “Tajalliát” und den “Worten des Paradieses”. Das genoss ich wirklich sehr … Mit einer Anzahl von Büchern und Bahá’í-Schriften badete ich im Sonnenschein; sprang, wenn es zu heiß war, in den See und schwamm mitten drinnen ein bisschen herum. Ich kroch dann zurück ins Boot und lag in der Sonne. Dann ruderte ich hinauf, gegen Berg am Starnberger See. Dort, wo der König Ludwig ertrunken war, bin auch gewesen, um zu sehen, wie man da ertrinken kann. Es war dort nicht tief. Das waren so die Erlebnisse.
Aber dort hatte ich es sehr gut. Es war zwar Krieg und es gab Lebensmittelknappheit, aber es gab eine Essensversorgung. Nachdem die Herrschaften nicht da waren, musste man von der öffentlichen Küche verköstigt werden. Hier gab es natürlich immer gutes und nahrhaftes Essen. Aber dann kamen die Herrschaften zurück und es war alles sehr schön.

Starnberg, Schloss Buchhof um 1910. Quelle: Gemeinfreies Werk von Wikipedia
Abbildung 10. Starnberg, Schloss Buchhof um 1910. Quelle: Gemeinfreies Werk von Wikipedia

Franz Pöllinger möchte in Stuttgart mehr über die neuen Lehren erfahren

Da dachte ich mir, jetzt habe ich so viel von der Bahá’í-Lehre erfahren. Es erwachten so viele Fragen in mir. Ich dachte mir, ich muss nach Stuttgart zurück, damit ich die Fragen beantwortet bekomme. Und so veränderte ich mich wieder. Aber mein Dienstgeber ließ mich auch nicht gerne weg, weil wir uns schon zusammengewöhnt hatten. Er sagte: “Leider, ich kann Sie nicht zurückhalten, Sie haben ihr eigenes Recht.” Und so fuhr ich wieder nach Stuttgart mit einer Kiste Bücher, die ich schon damals zusammengebracht hatte. Dort angekommen, etablierte ich das Gepäck im Bahnhof und ging zum Zimmernachweis. Dann bekam ich eine Stelle in der deutschen Verlagsanstalt als Papierzähler. Das war mir lieber, denn da war ich am Abend frei und musste eben nur meine Arbeitsstunden machen. Als Livréediener hingegen musste ich immer anwesend sein.
Vis à vis fand ich mir dann ein Zimmer, damit ich nur über die Straße in den Dienst gehen konnte. Als ich den ersten Lohn bekam, ging ich in die Bahá’í-Versammlungen, Firesides. Das war dann eine sehr schöne Sache. So ging es weiter. Wie gesagt, die Bücher las ich und war schon so weit eingeführt in die Sache. Aber Fragen konnte man mir nur in Stuttgart beantworten, weil es niemanden gab, der das sonst gewusst hätte. Ja, und da war die Miss Alma Knobloch aus Amerika, eine Deutsch-Amerikanerin, die trotz des Krieges als Amerikanerin in Deutschland leben konnte, da sie auch die deutsche Staatsbürgerschaft hatte. Die beantwortete dann in Firesides, die es ein bis zweimal wöchentlich gab, meine Fragen. Es war einmal in der Woche ein öffentlicher Vortrag im Bürgermuseum. Einmal war ein Vortrag bei Margarethe Döring und einmal ein Vortrag in der Wohnung von Julia Stäbler, einer Konzertsängerin, und ihrer Schwester. Dort überall bekam ich meine Fragen beantwortet. Es war herrlich.

Ergänzung: Auf dem folgenden Foto aus dem Jahre 1912 sind Alma Knobloch und andere Bahá’í abgebildet. Franz Pöllinger erwähnt sehr liebevoll seine “Bahá’í-Lehrerinnen”. Sitzend von links nach rechts: Julia Stäbler, Elise Stäbler, Margarete Döring und Alma Knobloch. Stehend von links nach rechts in der mittleren Reihe: Unbekannte Dame, Frl. Anna Köstlin, unbekannte Dame und Annemarie Schweizer, die oft auf Besuch in Österreich war und die “Beantworteten Fragen” aus dem Englischen übersetzte. Hinterste Reihe stehend: Unbekannter Herr, Unbekannte Dame, Max Bänder, Friedrich Schweizer, Gustav Eger.

Bahá’í-Lehrerinnen aus der Muttergemeinde Stuttgart. Foto aus dem Jahre 1912. Quelle: Bahá’í-Verlag Deutschland, Ausschnitt aus Gruppenfoto.
Abbildung 11. Bahá’í-Lehrerinnen aus der Muttergemeinde Stuttgart. Foto aus dem Jahre 1912. Quelle: Bahá’í-Verlag Deutschland, Ausschnitt aus Gruppenfoto.
Alma Knobloch at her home in Stuttgart, Germany, a year after the revelation of the Tablet of the Divine Plan in which she is mentioned
Abbildung 12. Alma Knobloch in ihrem Haus in Stuttgart, ca. 1917, ein Jahr nach den Sendschreiben zum Göttlichen Plan vom 11.04.1916, wo sie erwähnt wird. © Baha’i National Archives USA

Die Bahá’í-Lehrerinnen und ein Sendschreiben von ’Abdu’l-Bahá, März 1918

Frl. Julia Stäbler lehrte mich; Margarete Döring lehrte mich. Dann war da die Frau Annemarie Schweizer, eine besonders treue Bahá’í. Diese Freundinnen waren mit ’Abdu’l-Bahá in Paris und auch das Frl. Köstlin17, das in Esslingen lebte.

Das waren herrliche Menschen. Das Frl. Köstlin hat, als ’Abdu’l-Bahá in Stuttgart war, 300 Kinder eingeladen, die Schulen zusammengetrommelt, und ’Abdu’l-Bahá hat zu den 300 Kindern gesprochen. Und Miss Knobloch animierte mich, an ’Abdu’l-Bahá zu schreiben, dass in der Bibel irgendwo die Rede war, dass zur Zeit, da der Herr wiederkommt, der Herr der Herrscharen auf Erden erscheint, die Sonne siebenmal stärker sein wird denn je, und der Mond ebenso stark sein wird wie die Sonne.
In diesem Sinne hielt ich meinen Brief an ’Abdu’l-Bahá. Und ’Abdu’l-Bahá schickte dann ein ganz kurzes Tablet durch Miss Knobloch an mich, wo Er mich anredete und sagte: “Ich bete, daß Du durch die Kraft des Heiligen Geistes Dich selbst siegreich überwinden mögest, göttliche Empfindung erlangst und belebt wirst von den ewigen Frohen Botschaften. Ein Stein mit dem Größten Namen wird später gesandt werden.”18, ganz kurz, aber handgeschrieben. Das war eine Freude! Na, und Miss Knobloch legte mir nahe, ich soll jeden Morgen das Reuegebet sprechen, das auch die Bitte enthält, dass man die Möglichkeit hat, nach Haifa zu kommen und ’Abdu’l-Bahá zu begegnen. Denn das war nicht so einfach, wenn man doch Gesundheit, Erlaubnis und genügend Mittel haben musste. Ich habe ja nichts gehabt und dachte, dass es irgendwie schon gehen würde. Da sprach ich das Gebet und das rief eine derartige Erneuerung in mir hervor, dass ich das nie beschreiben kann. Und dann noch in der Fastenzeit, dieses wunderbare Fastengebet, dieses lange, das lehrte sie mich auch. Und dann diese Tablets, wo ’Abdu’l-Bahá die Menschenseele mit einem Vogel vergleicht, der sich in die heitere Luft aufschwingt und oben singt. Unten steht der Jäger mit dem Schießgewehr. Der Jäger ist nichts anderes als das Ego, das mit einem Schuss, mit einem Wunsch, den Vogel erlegen kann. Dann bleibt nichts mehr übrig von dem Gesang und dem lieblichen Gefieder usw. Solche Sachen haben mich sehr, sehr erhoben. Ich wohnte damals dann in einem anderen Haus, nicht mehr dort, wo ich zuerst gewohnt habe. Das war in einem Ledigenheim, das in einem Park war, neben einem Schloss der Großfürstin Vera. Da ging ich am Sonntagmorgen immer hinein und habe die Verborgenen Worte gelesen, so in der Morgenfrische. Das war wunderbar. Da fühlte ich mich wie ein Mensch leben möchte. Die Miss Knobloch lehrte mich auch, dass ich in jeder Frau, in jedem Mädchen eine Mutter - ja, wie meine Mutter - sehen sollte, weil ja Bahá’u’lláh in diesem Zeitalter die Frau als gleichberechtigt mit dem Mann erklärte. Und was ja alles noch in Seinem Gesetzbuch verankert ist, in Seinen Prinzipien! Dann las ich auch, was Frauen alles leisten können, wenn sie an der Entfaltung des Genius, der in ihnen ist, nicht mehr gehindert werden.

English translation of the Tablet of the Divine Plan to the Northeastern States on the front and reverse of two postcards, 1916
Abbildung 13. Englische Übersetzung des ersten Sendschreibens zum Göttlichen Plan für die nordöstlichen Staaten auf der Vorder- und Rückseite zweier Postkarten, welche 1916 von Haifa in die USA an Joseph Hannen, einen prominenten frühen Gläubigen, gesandt wurden. Diese tragen den Stempel der ottomanischen Zensur - © Baha’i National Archives USA
English translation of the Tablet of the Divine Plan to the Northeastern States on the front and reverse of two postcards, 1916
Abbildung 14. Englische Übersetzung des ersten Sendschreibens zum Göttlichen Plan für die nordöstlichen Staaten auf der Vorder- und Rückseite zweier Postkarten, 1916 - © Baha’i National Archives USA
English translation of the Tablet of the Divine Plan to the Northeastern States on the front and reverse of two postcards, 1916
Abbildung 15. Englische Übersetzung des ersten Sendschreibens zum Göttlichen Plan für die nordöstlichen Staaten auf der Vorder- und Rückseite zweier Postkarten, 1916 - © Baha’i National Archives USA
English translation of the Tablet of the Divine Plan to the Northeastern States on the front and rever se of two postcards, 1916
Abbildung 16. Englische Übersetzung des ersten Sendschreibend zum Göttlichen Plan für die nordöstlichen Staaten auf der Vorder- und Rückseite zweier Postkarten, 1916 - © Baha’i National Archives USA

Ein zweites Sendschreiben von ’Abdu’l-Bahá

Nachdem Miss Knobloch Ihm auch von meinen schlechten Augen berichtete19, und dass ich immer nach einem Augenarzt suchte, schrieb ’Abdu’l-Bahá: “Ich bete, daß die Augen Pöllingers so erleuchtet werden, dass er in allen Stufen des Lebens ein Entdecker der Wirklichkeit werden möge.” Nachdem mir Miss Knobloch das mitteilte, wusste ich, dass ich den Augenarzt gefunden habe, den ich suchte, denn nun wusste ich, dass meine irdischen Augen nicht so viel bedeuteten wie die ewigen Augen, die Augen der Seele. Nun öffnete mir ’Abdu’l-Bahá durch Seine Gläubigen, durch Seine Freunde und Bahá’í-Pioniere die Augen. Es war ein großer Jubel!20

Von der Muttergemeinde Stuttgart nach Wien 1919

Die Bahá’í-Gemeinde von Degerloch, im Jahre 1919. Franz Pöllinger vorne links. Quelle: Bahai-Verlag Deutschland
Abbildung 17. Die Bahá’í-Gemeinde von Degerloch, im Jahre 1919. Franz Pöllinger vorne links. Quelle: Bahai-Verlag Deutschland

Aber dann kam leider der Umsturz, der Krieg war [1918] zu Ende und die Haltung der Menschen war ganz geändert. Es gab einmal einen großen öffentlichen Vortrag der Bahá’í-Freunde im Saal des Bürgermuseums. Daran war eine öffentliche Aussprache angeschlossen. Da traten einige Männer, die ich schon kannte, einige Sektierer, auf die Bühne und fingen an, gegen die Emanzipation der Frau zu wettern, dass die Frau nicht logisch denken könnte und alles das. Da ging Maria [Annemarie] Schweizer hinauf und hat diese Behauptungen wunderbar widerlegt. Sie zitierte Worte von ’Abdu’l-Bahá, wo er sagte, die Stute ist schneller als der Hengst, die Löwin ist stärker als der Löwe und die Frau ist in der Herzensart dem Mann in vieler Hinsicht überlegen. Da waren auch noch einige Revolutionäre auf der Bühne, die sich groß und herrlich fühlten, dass die alte Monarchie am Boden liegt, wie sie sagten usw. Das war natürlich sehr überheblich.
In München war ein Artikel erschienen „Die Bahá’í-Religion marschiert“. Es gab danach Leute, die haben damit sogar Umsturzgedanken verbunden, also ein Unsinn, wie es immer ist, wenn Gedanken zügellos herumschwirren. Es kam dann die Zeit, wo ich Deutschland verlassen musste, als Gastarbeiter musste ich wieder in mein Land zurück. Das war Österreich. Und so sagte ich: “Ich gehe nach Wien.”

Stable Diffustion Imagining Poellingers Aufbruach von Stuttgart nach Wien im Stile von Max Ernst
Abbildung 18. Generative Darstellung des Aufbruchs Pöllingers von Stuttgart zurück nach Wien


  1. erste Kassette von vier, übertragener und redigierter Text.↩︎

  2. Das Leumundszeugnis der Gemeinde Donawitz belegt Franz Pöllingers Schulaustritt mit 11.7.1909.↩︎

  3. Im Leumundszeugnis aus 1912 wird Herr Pöllinger als “Malergehilfe“ bezeichnet, der in der Gemeinde Donawitz, Bezirk Leoben, arbeitete.↩︎

  4. Siehe dazu Käfer, 2020, S. 56: „Die Liebe zur Literatur begleitete ihn sein ganzes Leben … Er kannte rund hundert Gedichte deutscher Klassiker auswendig und lernte später, als er sich englische Sprachkenntnisse aneignete, auch die englische Poesie kennen und schätzen.“↩︎

  5. Franz Pöllinger war lt. seinem im Nachlass befindlichen Dienstzeugnis vom 01.04.1913 bis 01.07.1915 beim Grafen Fünfhausen in dessen Schloss bei Drasenhofen, Niederösterreich, als Hausdiener “mit größtem Fleiß” beschäftigt. Während dieser Zeit besuchte ’Abdu’l-Bahá im April 1913 Wien. Von den Personen, die ’Abdu’l-Bahá damals getroffen hatten, erzählt Herr Pöllinger im Kapitel 3.4 .↩︎

  6. Karl Graf Moy de Sons war lt. https://verwaltungshandbuch.bavarikon.de von 1909 bis 1919 der Gesandte des Königreichs Bayern in Württemberg, Stuttgart.↩︎

  7. August Bauer starb am 14.5.1921 in Stuttgart, Quelle: Aufzeichnungen Alexander Meinhard, Bahá’í aus Blomberg in Deutschland, zu frühen Bahá’í in Deutschland.↩︎

  8. Lydia Bauer (1872-1952); ihre Enkelin Sigrid Barz, schrieb in ihren Erinnerungen: „Großmutter Lydia hatte die Bekanntschaft mit Frau Döring gemacht und gehörte zu den ersten Baha’i-Freunden Stuttgarts, die sich regelmäßig bei Familie Herrigel traf[en], dem damaligen Bahá’í-Zentrum.“ Quelle: Aufzeichnungen Alexander Meinhard zu frühen Bahá’í in Deutschland.↩︎

  9. Herr Pöllinger hat diese einleitenden Worte in den späteren Fragebeantwortungen etwas anders formuliert, als im Interview. Das ist hier wiedergegeben.↩︎

  10. Damit ist wohl das bekannteste Werk des deutschen Schriftstellers Adolf Freiherr Knigge (1752-1796) gemeint. Das Buch ist eine einsichtsreiche und eine von den Idealen der Aufklärung geprägte Sammlung von “Umgangsregeln“. Es ist mehr als das später haupts. als „Anstandsfibel“ verstandene Buch. Siehe Wikipedia “Über den Umgang mit Menschen“ (Abfrage 26.08.2024).↩︎

  11. Lt. Zeugnis der Kgl.Bayerischen Gesandtschaft war Herr Pöllinger vom 10.11.1915 bis 15.08.1916 als „zweiter Diener“ beschäftigt und erhielt von Carl Graf von Moy ein sehr gutes Zeugnis: „er hat mir treu und fleissig gedient. Ich halte ihn für einen guten und anständigen Menschen …“ Siehe Nachlass Pöllinger, Nationales Archiv.↩︎

  12. Gemäß dem (Arbeits-) Zeugnis, ausgestellt von Guido Ritter von Maffei, war Herr Pöllinger dort vom 28.04. bis 01.08.1917 “in Diensten“. „Er war stets treu, fleißig, nüchtern, anständig …“ Siehe Nachlass Pöllinger.↩︎

  13. Alle Genannten trafen ’Abdu’l-Bahá 1911 in Paris und später in Stuttgart. Siehe dazu Zeitschrift “Star of the West“, Vol. 2, issue 17, Chicago (19th January 1912), p. 8.↩︎

  14. ’Abdu’l-Bahá, Sendschreiben vom 20.03.1918 an Herrn Franz Pöllinger gesendet über Frl. Alma Knobloch, Stuttgart, siehe im Anhang das Sendschreiben aus Alexander Meinhard (Hg.): ’Abdu’l-Bahá Briefe und Botschaften an die Bahá’í in Deutschland, 1. Auflage, unveröffentlicht, 2021, S. 419f. In späteren Schreiben ’Abdu’l-Bahás, z.B. an Alma Knobloch am 30.01.1920, wurde Herr Pöllinger liebevoll erwähnt, auch sein Halbbruder Chrysanto Eberndorfer, siehe ebd. S.483, siehe auch Anhang A.↩︎

  15. zweite Kassette von vier, übertragener, redigierter Text.↩︎

  16. ’Abdu’l-Bahá, Sendschreiben vom 29.03.1918 an Frl. Alma Knobloch, Stuttgart, mit einer Nachricht an Herrn Franz Pöllinger, Stuttgart, siehe im Anhang das Sendschreiben aus Meinhard (Hg.), 2021, S. 424f. Dort übersetzt mit: „Meine Hoffnung ist, dass das Licht der Wahrheit die Augen Pöllinger’s so erleuchtet, dass er in jeder Hinsicht eine neue Wirklichkeit entdeckt.“, Siehe Anhang A.↩︎