4. Volle Kontrolle über den Code
Haben Sie volle Kontrolle über den Code, bspw. weil Sie Ihre eigene Webseite coden - am Besten ohne ein CMS -, dann können Sie in der Tat auch im Sinne der Codemethodiken aus dem vollen Schöpfen. Sie können dann jeder Überschrift, jedem Link eine Klasse geben und SPAN-Elemente verteilen, wenn es Ihnen wichtig und ratsam erscheint.
Aber mal ehrlich: wann können Sie dies von einem Projekt sagen? Und handelt es sich dabei um ein wichtiges, lukratives Projekt?
Hinzu kommt, dass es auch 2017 noch immer Contentmanagementsysteme gibt, die eigenständig Code schreiben. Mal werden DIV-Container ohne tieferen Sinn erzeugt, mal jedem noch so dürftigen Element eine ID gegeben. Auch CMS-Plugins können Code erzeugen, den Sie oft nicht beeinflussen können. Sehr oft haben Sie also keinen hundertprozentig kontrollierbaren Frontendcode vor sich. Darauf müssen Sie in Ihrem CSS reagieren.
Inhaltspflege kommt von Redakteuren
Der Normalfall für uns Webworker dürfte sein, dass die Pflege des Inhalts von Redakteuren kommt. Diese haben meist keine HTML-Kenntnisse und sollen sich ganz auf ihre Inhalte konzentrieren. Von Redakteuren erfasste Texte sollten also möglichst nicht mit optionalen Elementen und Klassen versehen werden müssen. Die Redakteure sollten sich auf Absätze und Listen (evtl. noch Tabellen) konzentrieren.
Gehen Sie gedanklich immer von einer einzigen Editorinstanz aus, sodass es schwer bis unmöglich wird, einzelnen Absätzen spezielle Klassen mitzugeben.
Das ist ein wichtiges Detail. Denn schliesslich müssen wir im Frontend dafür sorgen, dass die Redakteure ihre Inhalte auch optisch mit Variationen versehen können. Wenn sie aber bei der Erstellung einer Liste oder der Erfassung eines Absatzes keine Klasse(n) hinzufügen können, müssen wir nicht nur innerhalb unseres CMS einen praktikablen Weg finden. Wir müssen auch innerhalb unseres CSS die korrekten Selektoren finden, die uns dies ermöglichen.
Ausnahmen sollten nicht die Regel werden
Vor ein paar Jahren schulte ich eine Gruppe von Redakteurinnen. Nach dem avisierten Relaunch sollten sie nicht mehr wie bisher ihre Texte individuell gestalten dürfen. Ein Standarddesign sollte sie dazu in die Lage versetzen, sich mehr auf die Inhalte zu konzentrieren. Natürlich sollten auch diverse optische Auswüchse beseitigt werden. Denn nicht jeder, der einen CMS-Editor und dessen Buttons bedienen kann, hat auch ein Auge für Design.
Es war eine harte Diskussion, den Redakteurinnen klarzumachen, dass sie in Zukunft nicht mehr machen könnten, was sie gerade wollten. Viele Kunden empfinden die Leistungen eines Designs geradezu als unverschämte Beschränkung.
Diese Beschränkung ist aber wichtig. Und sie ermöglicht uns erst, vernünftige Styles zu schreiben, die eine einheitliche Gestaltung realisieren. Ich sehe die Einschränkungen durch Layoutregeln zudem nicht negativ. Ich empfinde sie als sehr hilfreich, denn da sie meine Handlungsoptionen tatsächlich begrenzen, ermöglichen sie mir die Fokussierung auf die Inhalte. Und sie schaffen ein einheitliches Äußeres, das es für die Leser/Nutzer einfacher macht, eine Webseite zu konsumieren. Am Ende ist es das Wichtigste, dass Kunden/Leser mit einer Webseite zurecht kommen und nicht, dass ein Redakteur seiner künstlerischen Ader freien Lauf lassen kann.